Fallende Messer

„It’s the economy, stupid“, verkündete einst Bill Clinton – und gewann mit dieser Devise zwei Wahlen. Es geht demnach in der Politik letztlich um die Wirtschaft. Auch in Polen?

Die Krise erfasste 2013 Polen: Zugemauerter Tankstellen-Shop am Rande von Warschau. (Foto: Krökel)

Polen im Krisenmodus: Zugemauerter Tankstellen-Shop in Warschau. (Foto: Krökel)

Sicher und bekannt ist: Wirtschaft besteht zu mindestens 50 Prozent aus Psychologie. Besonders gilt das natürlich für die Börsen, die tagtäglich ungedeckte Schecks auf die Zukunft ausstellen.

Zu beobachten sind diese Mechanismen derzeit in Warschau. Über Jahre hinweg erwies sich der dortige Leitindex WIG-20 als ähnlich stabil wie die gesamtwirtschaftliche Lage in Polen. Das Land glänzte in dem Jahrzehnt nach dem EU-Beitritt 2004 mit Wachstumsraten bis zu sieben Prozent. Die Warschauer Börse entwickelte sich zu einem der dynamischsten Handelsplätze weltweit.

2015 allerdings kamen den polnischen Himmelsstürmern erst die Politik und kurz darauf die Psychologie in die Quere. Im Mai gewann der Kandidat der nationalkonservativen PIS-Partei, Andrzej Duda, überraschend die Präsidentenwahl gegen Amtsinhaber Bronislaw Komorowski von der wirtschaftsliberalen Bürgerplattform PO. Der WIG-20 ging daraufhin auf Talfahrt. Offenbar ahnten die Börsianer bereits damals, was noch kommen würde: Die PIS des Rechtspopulisten Jaroslaw Kaczynski, der gern einfache Wahrheiten verkündet und sich als Anwalt der kleinen Leute geriert, gewann im Oktober auch die Parlamentswahl.

Zu den einfachen und zugleich wahren Wahrheiten gehört nicht zuletzt dies: Anwälte von kleinen Leuten, ob national gesinnt  wie Kaczynski oder sozialistisch oder beides, sind an den Finanzmärkten nicht gern gesehen. Man könnte auch sagen: Sie sind dort verhasst. Folgerichtig stürzte der WIG-20 nach Kaczynskis Triumph um weitere 15 Prozent ab.

Rein psychologisch gesehen, war das verständlich. Man soll bekanntlich nicht nach einem fallenden Messer greifen. Konsequenterweise trat daraufhin der Chef der Warschauer Börse, Pawel Tamborski, zurück. „Ein Fanal!“, hieß es sogleich in Finanzmarktkreisen. Der Rücktritt befeuerte den Negativtrend weiter. Seither fallen die Messer in Warschau immer schneller.

Was aber ist die Moral von der Geschichte? Wenn die Wirtschaft allein zählt, wie damals bei Bill Clinton, und wenn man den Propheten an den Börsen glauben darf, dann dürfte die PIS bald abgewirtschaftet haben, quasi erdolcht von den fallenden Messern an den Märkten. Persönlich würde ich meine Hand dafür allerdings nicht ins Feuer legen. Und ich habe mich auch noch nicht entschieden, wen ich eigentlich bedrohlicher finden soll: den Möchtegern-Autokraten Kaczynski oder die faktischen Machthaber, die Nadelstreifen-Gurus an den Finanzmärkten.

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