Der edle Pole

Polen erlebt dramatische Tage und Wochen. Das politische Erdbeben der Sejm-Wahl wirkt noch nach. In dieser aufgeregten Atmosphäre grübeln viele Polen, die sich dem abgewählten liberalen Lager zurechnen, über die Gründe für den krassen Richtungswechsel nach rechts nach, für den ihre Landsleute mit großer Mehrheit gestimmt haben. Ich grüble mit…

Gegendemonstrant am Rande eines Neonazi-Aurmarsches in Warschau 2010. (Foto: Krökel)

Gegendemonstrant am Rande eines Neonazi-Aurmarsches in Warschau 2010. (Foto: Krökel)

… und bin weitgehend ratlos. Mancher Liberale in Polen glaubt, dass die Liberalen in Polen viel zu lange an das Liberale im gemeinen Polen geglaubt hätten. Also an das Gute. Nun jedoch, da die Menschen zwischen Oder und Bug nach zehn Jahren in der EU noch immer nicht reich seien, zeigten sie ihr wahres, ihr nationalistisches Gesicht. Also das Hässliche.

Ob es so ist? Ich weiß es nicht. Was ich aber weiß, ist, dass viele Beobachter in Deutschland, die Polen wohlgesinnt sind (und zu diesen Beobachtern zähle ich mich selbst), tatsächlich einem solchen Irrglauben an das grundsätzlich Gute in unseren Nachbarn aufgesessen sind. Die Freude, ja, die Begeisterung über die Gastfreundschaft, die Offenheit und die Aufbruchsstimmung im neuen Polen hat manche Schattenseiten überblendet.

Ein bisschen ist es so wie einst mit dem Idealbild des „edlen Wilden“, der von der (europäischen/westlichen) Zivilisation noch nicht verdorben ist. Der Vergleich ist natürlich krass überzeichnet. Nicht, dass jemand auf die Idee kommt, ich hielte die Polen für Wilde! Im Gegenteil: Unsere Nachbarn sind in aller Regel außergewöhnlich kultivierte Menschen.

Worauf ich hinaus will, ist die Psychologie der Projektion. Dieser Mechanismus resultiert aus der eigenen Unzufriedenheit mit den eigenen Verhältnissen im eigenen Land. Das Hadern mit westlichen Werten gehört bekanntlich seit Langem zum guten Ton in Deutschland. Ob zu Recht oder nicht, das soll hier nicht die Frage sein. Entscheidend ist, dass aus dieser Verbitterung die Unterstellung (oder Hoffnung) erwächst, die anderen, die „Unverdorbenen“, seien per se besser, im vorliegenden Fall: die edlen Polen.

Das ist natürlich Quatsch, und wer ein wenig darüber nachdenkt, begreift das auch sehr schnell. Dennoch ist mitunter das Erschrecken groß, wenn die Guten plötzlich ein hässliches Gesicht zeigen. Konkret: Wenn die edlen Polen, die unbedingt reich werden wollen, Atomkraftwerke bauen und weiter Kohle verfeuern, statt das Weltklima zu retten. Und nun wählen sie auch noch mit überwältigender Mehrheit erzkonservative, nationalistische und zum Teil neofaschistische Parteien! Das ist schlimm, keine Frage. Aber es ist die Sache der Polen.

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