Alles fließt

Warschau im Wandel: Bei meiner Rückkehr in die alte Heimat hat mich manches verblüfft, anderes erschreckt. Besonders schade: Rechtsradikale Randalierer haben den Regenbogen auf dem Platz Zbawiciela endgültig zum Erlöschen gebracht.

Im Zeichen des Kreuzes: Der "Tempel der göttlichen Vorsehung", Polens neue Nationalkirche in Warschau, wächst zusehends in den Himmel.

Im Zeichen des Kreuzes: Der „Tempel der göttlichen Vorsehung“, Polens neue Nationalkirche, wächst zusehends in den Himmel. (Fotos/3: Krökel)

Niemand steigt zweimal in denselben Fluss. Das wusste schon der griechische Philosoph Heraklit, von dem das berühmte „pantha rhei“ stammt: Alles fließt. Und so erklärt sich auch die Sache mit dem doppelten Bad im Fluss: Beim zweiten Hineinsteigen ist das Wasser des ersten Bades längst weitergeströmt, der Fluss also nicht mehr derselbe Fluss.

Mit der Zeit ist es nicht anders. Auch sie fließt. Verfließt. Folglich gilt: Niemand besucht zweimal dasselbe Warschau, schon gar nicht nach mehr als einem Jahr verflossener Zeit. Die polnische Hauptstadt, ohnehin eine hektische, nie verharrende Metropole, hat sich sichtlich und spürbar verändert.

Gewöhnungsbedürftig: Eingang zur neuen Metrolinie M2.

Gewöhnungsbedürftig: Eingang zur neuen Metrolinie M2.

Sichtlich, weil viel gebaut worden ist. Im Zentrum ist ein völlig neuer Straßenzug entstanden (die ulica Swiętokrzyska, wenn es jemand genau wissen möchte). Weniger offensichtlich, aber umso bedeutsamer ist, dass unter der Stadt seit einem halben Jahr eine zweite U-Bahn-Linie verkehrt.

Zwei Metro-Linien, nun gut, das klingt wenig spektakulär. In Hamburg, das fast gleich groß ist, sind es vier. Hinzu kommt dort die S-Bahn, zu der es in Warschau kein echtes Pendant gibt. Dennoch: Für Warschau ist der Start der M2, die unter der Weichsel hindurch zwischen West und Ost verkehrt, ein Zeitsprung.

Leider ist über der Erde nicht so viel von der untergründigen Veränderung zu spüren, wie man es sich als Spaziergänger wünschen würde, im Gegenteil: Der Autoverkehr scheint weiter zugenommen zu haben. Staus, so weit das Auge reicht. Das sieht nicht gut aus, das hört sich nicht gut an, und das riecht auch nicht gut.

Abgefackelt: Der Regenbogen auf dem Plac Zbawiciela nach einer Brandattacke 2013.

Abgefackelt: Der Regenbogen auf dem Plac Zbawiciela nach einer Brandattacke 2013.

Und sonst? Verschwunden ist die Regenbogen-Skulptur auf dem Plac Zbawiciela, dem Platz des Erlösers. Um den Regenbogen, der jahrelang vor einer der berühmtesten Kirchen Warschaus stand, hatte es immer wieder Streit gegeben, weil Katholiken und Ultrarechte darin ausschließlich ein Symbol der Schwulen- und Lesben-Bewegung sehen wollten.

Mehrfach attackierten Randalierer das Werk der Performance-Künstlerin Julita Wójcik. Künftig soll der Regenbogen an weniger prominenter Stelle gezeigt werden, am Zentrum für Moderne Kunst. Das ist zwar schön und gut, aber eben nicht dasselbe.

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