Wunderland wirkt ausgebrannt

Vor der Sejm-Wahl am Sonntag zeigt das wirtschaftlich so erfolgreiche Polen Symptome eines kollektiven Burnout-Syndroms, mit politisch weitreichenden Folgen: Der Rechtspopulist Jaroslaw Kaczynski hat die große Chance zur Rückkehr an die Macht.

Wechselstimmung vor der Sejm-Wahl in Polen: "Die Strategie des Aufstands" steht auf diesem Künstlerplakat auf dem Posener Altmarkt. (Fotos: Krökel)

Wechselstimmung vor der Sejm-Wahl in Polen: „Die Strategie des Aufstands“ steht auf diesem Künstlerplakat auf dem Posener Altmarkt. (Fotos: Krökel)

Mit dem Oktoberwind weht das eingebildete Echo eines Rilke-Gedichts über den Posener Altmarkt: „Herr, es ist Zeit, der Sommer war sehr groß …“ Doch nun dies: Herbsttage. Nebel. Nieselregen. Von der Größe des vergangenen Sommers künden allein die letzten Holzterrassen vor Cafés und Restaurants. „Herr, gib uns noch zwei südlichere Tage!“, scheinen die Besitzer mit Rilkes Worten zu flehen. Aber nein, in der grauen Wirklichkeit bleiben die Stühle gestapelt. Die Party ist vorbei. Arbeiter rücken an, um alles abzuräumen. Es sind Bilder mit Symbolcharakter.

Die moderne Messemetropole Posen mit ihrem historisch wertvollen, touristisch attraktiven Zentrum ist so etwas wie die Stein gewordene Vorzeigestadt des polnischen Wirtschaftswunders, von dem Ökonomen seit Jahren schwärmen. Seit dem EU-Beitritt 2004 ging es im Land durchweg bergauf. Die Arbeitslosenquote sank von 19 auf aktuell acht Prozent. Selbst im globalen Großkrisenjahr 2009 schaffte Polen ein Wachstum, als absoluter Primus in Europa. In Posen, im boomenden Westen des Landes, der von seiner Nähe zu Deutschland profitiert, herrscht seit Jahren nahezu Vollbeschäftigung. Im Sommer waren hier weniger als drei Prozent der Menschen arbeitslos.

Und dennoch! Trotz alledem herrscht im Wirtschaftswunderland Polen vor der Parlamentswahl am kommenden Sonntag eine Wechselstimmung, die im Herzen Europas ein politisches Erdbeben auslösen könnte. Nach acht Jahren liberalkonservativer Regierung steht die nationalistische PIS des Rechtspopulisten Jaroslaw Kaczyński vor einer Rückkehr an die Macht. Manche Umfragen verheißen der PIS sogar eine absolute Mehrheit der Mandate. In den Albträumen mancher EU-Politiker droht Polen bereits zu einem zweiten Ungarn zu werden, wo der Europa-Verächter Viktor Orbán autoritär regiert. Wie kann das sein?

Die wenigen Menschen auf dem Posener Altmarkt schlagen ihre Kragen hoch und beschleunigen auf dem freien Platz im schwachen, aber bereits mit Winter drohenden Wind ihre Schritte. Gesprächsbereit ist hier kaum jemand. Adam, 21, bleibt kurz stehen, fragt aber mürrisch zurück: „Wozu über Politik reden?“ Die Sejm-Wahl ist für den Anglistik-Studenten kein Thema, für das es sich lohnen würde, in der Oktoberkälte zu frieren. „Ich bleibe am Wochenende zu Hause“, verkündet er knapp und eilt weiter.

Krzysztof Malinowski hat mehr Zeit. Er hat es auch wärmer. Der Politologe und stellvertretende Leiter des Posener West-Institutes residiert nicht weit vom historischen Altmarkt entfernt. Über die Wahlmüdigkeit der jungen Polen, von der die Demoskopen seit Langem berichten, wundert er sich nicht. „Die Regierungen von Donald Tusk und Ewa Kopacz haben insgesamt eine erfolgreiche Politik gemacht“, sagt er zwar im Rückblick auf die vergangenen acht Jahre, in denen die liberalkonservative Bürgerplattform (PO) die Geschicke des Landes bestimmt hat. Doch Malinowski schränkt nachdrücklich ein: „Die PO hat ihre eigenen Versprechen nicht erfüllt. Darunter leiden vor allem die Jüngeren.“

Zweifelhafte Moderne in Warschau.

Zweifelhafte Moderne in Warschau.

Wer in Polen von der Schule oder der Universität ins Berufsleben wechselt, erhält in aller Regel einen schlecht dotierten, zeitlich befristeten Arbeitsvertrag. Der Volksmund spricht von „Müllverträgen“. Oft folgt auf einen Müllvertrag ein weiterer, und erst nach langen Jahren im Hamsterrad der Marktwirtschaft ist so etwas wie ein gesicherter beruflicher Erfolg möglich. Es sei ein „Rattenrennen“, sagen Soziologen, bis hin zur totalen Erschöpfung. Diagnose: kollektiver Burnout bei den Jungen, weit vor der Zeit. Wer das nicht will, wandert ab, nach Großbritannien, Skandinavien oder Deutschland. „1,5 Millionen junge Menschen haben Polen seit dem EU-Beitritt 2004 verlassen“, berichtet Malinowski.

Die jungen Wähler haben der PO zwei Mal in Folge zur Regierungsmehrheit verholfen. Nun wenden sie sich ab. „Die Menschen sind müde, PO-müde“, sagt Malinowski. Noch allerdings ist Kazcynski nicht am Ziel, anders als Orban in Ungarn. Die Unsicherheit der Umfragen ist enorm hoch. „Es ist möglich, dass viele kleinere Parteien die Fünf-Prozent-Hürde überspringen und sich in einem zersplitterten Parlament eine Anti-Kaczyński-Koalition zusammenfindet“, erklärt der Posener Politologe. Er verweist zudem darauf, dass die PIS nicht mit dem Rechtsaußen Kaczyński als Spitzenkandidat antritt, sondern mit der als gemäßigt geltenden Sejm-Abgeordneten Beata Szydło.

Mit der 52-jährigen Kulturmanagerin Szydło als Chefin einer PIS-Regierung werde sich die Ausrichtung der polnischen Politik nicht substanziell ändern, sondern „allenfalls der Stil, selbst wenn Kaczyński im Hintergrund die Fäden ziehen sollte“, vermutet Malinowski. Diese These ist im Land weit verbreitet. Zu ihrer Konsensfähigkeit beigetragen hat auch der Sieg des jungen, als gemäßigt geltenden PIS-Kandidaten Andrzej Duda bei der Präsidentenwahl im Mai. Bislang hat der 43-jährige Duda die offene Konfrontation mit der Regierung von PO-Ministerpräsidentin Kopacz gemieden. Doch was passiert, wenn Kaczyńskis Leute beide Ämter innehaben und die PIS durchregieren kann?

Die schlechte Stimmung bleibt: Arbeiterprotest in Warschau. (Foto: Krökel)

Im Stimmungstief: Arbeiterprotest in Warschau.

Wie schnell eine Stimmung umschlagen und sich damit eben doch auch die Lage substanziell verändern kann, haben die Mitarbeiter des VW-Werks in Posen in den vergangenen Wochen erlebt. Der Abgasskandal bei dem deutschen Autobauer hat Spuren hinterlassen. Fast könnte man meinen, sie auf den Gesichtern der Beschäftigten ablesen zu können, die an diesem Mittag aus den hochmodernen Fabrikhallen strömen. Doch nach einer langen Schicht ist die Stimmung selten euphorisch.

Fast 7000 Menschen beschäftigt VW in der Boomstadt Posen. 3000 weitere sollen hinzukommen, wenn der Autobauer Ende 2016 im nahen Września eine weitere Fabrik eröffnet, um den Nachfolger des Lieferwagens Crafter zu produzieren. „Daran wird sich nichts ändern“, versichert Dagmara Prystacka, die Sprecherin von VW in Posen. In ihrem Büro, das sie erst vor Kurzem bezogen hat, lehnt das Bild eines Schutzengels an der Wand. Die Werksleitung werde „die sogenannte VW-Affäre nicht kommentieren“, wiederholt sie mehrfach − und sendet auf diese Weise erst recht Signale einer allgemeinen Verunsicherung aus.

Auch draußen, vor den Fabriktoren, ist fast niemand bereit, auf die Fragen eines Journalisten zu antworten. Eine hagere Frau Mitte vierzig, die ihren Namen nicht nennen mag, erzählt nach einigem Zögern dann doch von der Furcht in der Belegschaft. „Natürlich haben wir alle Angst um unsere Jobs. Die meisten von uns haben eine Familie zu ernähren.“ Sie fingert eine Zigarette aus der abgegriffenen Kunstledertasche, zündet sie an und kommt dann doch ins Reden. Die Lage im Land sei insgesamt nicht gut, zumal „jetzt auch noch die Flüchtlinge zu uns kommen sollen“. Sie werde PIS wählen.

Die VW-Arbeiterin bekennt, sich vor allem nach Sicherheit zu sehnen. Genau damit wirbt die PIS − und schürt zugleich die Angst. Kaczynski und selbst der vermeintlich gemäßigte Präsident Duda warnten zuletzt vor der Ausbreitung von Krankheiten durch den Zustrom von Flüchtlingen nach Europa. „Cholera auf den griechischen Inseln, Ruhr in Wien: Parasiten und Bakterien, die in den Organismen dieser Menschen harmlos sind, können hier bei uns gefährlich werden“, erklärte Kaczyński. Und Duda ergänzte, die Bevölkerung müsse „vor allen Risiken von Epidemien geschützt werden“.

Die Flüchtlingskrise hat den Wahlkampf auf der Zielgeraden noch einmal befeuert, obwohl Polen bislang nicht direkt betroffen ist. Die liberale Kopacz-Regierung hat sich im September lediglich dazu bereit erklärt, im Zuge der geplanten EU-Umverteilung einige Tausend Schutzsuchende aufzunehmen. Vielen Bürgern des ethnisch und religiös fast homogenen Landes mit seinen mehr als 90 Prozent Katholiken geht das allerdings bereits zu weit.

Krzysztof Malinowski hat dafür nur eine Erklärung: Egoismus. Polen habe ein Vierteljahrhundert einschneidender Reformen hinter sich. „Die Menschen haben das Gefühl: Wir haben uns unglaublich abgerackert, und jetzt bekommen wir von außen ein Problem“, erklärt der Politologe. „Dieser Egoismus ist da.“ Es ist der Egoismus der Erschöpften.

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