Warschau – das neue Berlin?

Warschau, so gaben mir vor Jahresfrist Freunde mit auf den Heimweg nach Deutschland, sei längst „das neue Berlin“. Was sie damit meinten, war: die urbane Lebendigkeit, der rasante Wandel der Stadt und ihrer magischen Stätten, die Kreativität der Menschen, ihre Neugier, auch die Hektik…

Warschau im Herbst. (Foto: Krökel)

Warschau im Herbst (2013).

Ja, sie meinten auch die Hektik, vor allem aber das wuchernde Wachstum des Neuen auf den hinterlassenen Fundamenten des Alten, meist Zerstörten, aber eben doch noch Existierenden, ja, des Überlebenden. So redeten meine Freunde damals.

Ich nickte beflissen – und glaubte kein Wort. Warschau mit Berlin zu vergleichen, das erschien mir wie eine überflüssige Neuauflage des absurden Versuchs, aus Birnen Apfelmus herzustellen. Nun lebe ich seit einem Jahr in Berlin. Nachts jedoch, wenn ich um den Schlaf gebracht bin wie einst Heinrich Heine, denke ich oft an Warschau.

Polen und seine Hauptstadt haben mich nicht losgelassen, vielleicht auch deshalb, weil ich in Berlin bald gemerkt habe, dass sehr wohl zutrifft, was meine Freunde damals zum Abschied sagten (bis auf die Überschrift vom neuen Berlin; so ist das nun einmal mit Schlagworten, man denke nur an „Das Venedig des Nordens“, von dem niemand weiß, ob es sich dabei um Hamburg, Amsterdam, Kopenhagen, Stockholm…).

Jedenfalls: Es stimmt, was meine Freunde vor Jahresfrist sagten und meinten. In Berlin ist die gleiche untergründige Kultur- und Geschichtsosmose zu spüren wie in Warschau, soll heißen: Aus den Poren der Stadtfundamente kriecht das gelebte Leben, buchstäblich und natürlich im übertragenen Sinn, während oben, an der Oberfläche, das lebendige Leben überbordet. Das ist großartig! Kann man mehr wollen?

Urheberrechtlich geschützt. Ale Rechte bei mir.

Passanten in Warschau wärmen sich im Januar 2012 an einem Koksownik, einem gusseisernen Kohlekorb, wie er aus der Zeit der Kriegsrechtswinters 1981/82 bekannt ist.

Ja, doch, man kann. Man kann sich zum Beispiel weniger ungemütliche Winter wünschen. Die kalte Saison in Warschau und Berlin ist zwar gar nicht von einer solch kalten Kälte, die der gemeine Mitteleuropäer mit Sibirien assoziiert. Aber die Berlin-Warschauer Kälte dringt trotzdem durch alle Jacken und Mäntel und selbst durch die darunterliegenden Zwiebelschichten aus Lammwolle, Polyester und Baumwolle. Wahrscheinlich ist es so, dass im Winter irgendein Teufel nach den Berlin-Warschauer Seelen greift und sie auf ihre Lebenstauglichkeit hin prüft.

Apropos prüfen: In Kürze werde ich zum ersten Mal seit meiner Rückkehr nach Deutschland wieder nach Warschau reisen. Ich brauchte ein wenig Abstand, aber jetzt … Jegliches hat bekanntlich seine Zeit:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *