Deutschland – Eine optische Täuschung

Eiserne Kanzlerin, Russland-Versteher, Grexit-Kämpfer und Gutmenschen: 25 Jahre nach der Wiedervereinigung versteht der Osten Europas die deutsche Welt nicht mehr.

Grenze

Grenzmarkierung zwischen Polen und Deutschland bei Stettin/Szczecin. (Fotos/2: Krökel)

Noch nie seit der Epochenwende von 1989/90 war das Deutschland-Bild im Osten Europas so wechselhaft und schillernd wie derzeit. Mal zeigt es eine selbstbewusste, starke Nation im Herzen des Kontinents, deren Regierung zu europäischer Führung entschlossen ist und dabei Gefahr läuft, über das Ziel hinauszuschießen und schwächeren Staaten ihren Willen aufzuzwingen. Dann wieder sind naive deutsche Gutmenschen zu sehen, die nicht nur bewundernswerte Solidarität mit Schutzsuchenden zeigen, sondern im Zweifel auch potenzielle Terroristen mit einer überbordenden Willkommenskultur überziehen.

Wer dieses Bild ein wenig länger studiert, erkennt bald: Die Motive verschwimmen, ein Zerrbild entsteht. Deutschland wird zur optischen Täuschung. Zum Beispiel in der Ukraine-Krise: Polnische Medien schwärmten 2014, ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall, von der „eisernen Kanzlerin“ Angela Merkel, die dem russischen Präsidenten Wladimir Putin nach der Annexion der Krim die rote Karte gezeigt und in der EU Sanktionen durchgesetzt habe. Bald darauf jedoch meldeten sich in der innerdeutschen Debatte die „Russland-Versteher“ lautstark zu Wort. Der estnische Präsident Toomas Hendrik Ilves konterte daraufhin kaum weniger lautstark: „Deutsche, die jetzt Verständnis für Russland fordern – das ist für mich ein Denken von Blut und Boden.“

2015 beschleunigte sich die Abfolge der wechselnden Deutschland-Darstellungen weiter. Bis zum Sommer prägte die Konfrontation mit Alexis Tsipras in der Griechenland-Krise das Bild. Wolfgang Schäuble drohte mit dem Grexit – und wurde dafür zwischen Bratislava und Vilnius gefeiert. Die litauische Präsidentin Dalia Grybauskaite dankte den „harten“ Deutschen und erklärte erleichtert: „Die Zeit des Feierns auf Kosten anderer ist für Griechenland vorbei.“ Damit sprach sie den Menschen im Osten Europas aus dem Herzen, die zwei schwere Jahrzehnte eines grundstürzenden wirtschaftlichen und sozialen Umbruchs durchlebt und die Weltfinanzkrise mit einer harten Sparpolitik gekontert hatten.

In der Griechenland-Krise wurde Deutschland zur bewunderten Führungsmacht und vor allem zum mutigen Fürsprecher der Osteuropäer. Doch das Sommermärchen in den West-Ost-Beziehungen dauerte nur wenige Wochen. Kurz nach der Griechenland-Einigung bot Deutschland seinen östlichen Nachbarn wieder ein völlig anderes Bild. Als der Flüchtlingsstrom aus dem Nahen Osten, aus Afghanistan und Afrika anschwoll, besannen sich die Bundesbürger nach erheblichen Anlaufschwierigkeiten auf eine neue Willkommenskultur – und lösten damit östlich der Oder blankes Entsetzen aus, das in dem berühmt gewordenen Satz des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban gipfelte: „Das Flüchtlingsproblem ist kein europäisches Problem, sondern ein deutsches Problem.“

Die Bundesregierung und allen voran Angela Merkel persönlich, so argumentierten außer Orban bald auch Slowaken, Tschechen, Balten und Polen, hätten die muslimischen Migranten mit ihrer neuen Offenheit geradezu eingeladen, nach Europa zu kommen. „Ich will aber nicht eines Morgens in einem Land mit Hunderttausend Arabern aufwachen“, lästerte der slowakische Premier Robert Fico. Wenig später eskalierte der Streit im Ringen um ein Quotensystem zur EU-weiten Verteilung der Flüchtlinge. Polens Oppositionsführer Jaroslaw Kaczynski, ein bekennender Deutschland-Verächter, der kurz vor der Rückkehr an die Macht in Warschau steht, malte im Sejm ein martialisches Bild: „Polens Souveränität wird unter dem Stiefel von Kanzlerin Merkel zertreten.“

Der polnische Präsident Bronislaw Komorowski (rechts) schenkt Bundespräsident Joachim Gauck ein Wahlplakat der Solidarnosc aus dem Wendejahr 1989.

2012: Der polnische Präsident Bronislaw Komorowski (rechts) schenkt Bundespräsident Joachim Gauck ein Wahlplakat der Solidarnosc von 1989.

Während die deutsche Willkommenskultur nahezu weltweit als vorbildlich gefeiert wurde, verstanden viele Osteuropäer ihre Nachbarn nicht mehr. Aus den harten Grexit-Kämpfern waren „Weicheier“ geworden – ein Wort, das ebenso Eingang in den polnischen Sprachgebrauch fand wie der Begriff „Gutmenschen“. Allerdings zeigte sich in den Flüchtlingsdiskussionen auch, dass sich das Unverständnis in Osteuropa mit eigener Verletzlichkeit paarte.

Zum Beispiel Polen: Das erzkatholische Land, in dem in den 80er Jahren die Freiheitsbewegung Solidarnosc triumphierte, begriff sich seither als Gralshüter von Solidarität und Nächstenliebe schlechthin. „Jetzt wird uns ein Spiegel vorgehalten“, erklärte im Spätsommer, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, ein Kommentator bei „Polskie Radio“ und ergänzte: „Es ist nicht immer schön, was wir zu sehen bekommen.“ Das allerdings gilt auch für die wechselnden Deutschland-Bilder, die im Osten Europas gezeichnet werden.

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