Dunkeleuropa verstehen

In der Flüchtlingsdebatte wächste die Kritik an den Staaten Ostmitteleuropas. Doch wie kommt es, dass in einer Region, die lange selbst unter Krieg und Diktatur gelitten hat, so wenige Menschen Solidarität mit Flüchtlingen zeigen?

Scherenschnitt am Eisernen Vorhang am 27. Juni 1989: Gyula Horn (links) und Alois Mock. (Screenshot/YouTube).

Scherenschnitt am Eisernen Vorhang zwischen Ungarn und Österreich 1989. Heute errichtet Ungarn neue Stacheldrahtzäune, um Flüchtlinge abzuschrecken. (Screenshot/YouTube).

Bundespräsident Joachim Gauck hat den umstrittenen Begriff „Dunkeldeutschland“ geprägtund zielte damit vor allem auf die „Flüchtlingsgegner“ in den Ländern der ehemaligen DDR. Nun macht in Berlin das Wort von „Dunkeleuropa“ die Runde. Gemeint sind jene jungen EU-Staaten im Osten des Kontinents, die sich vehement gegen Brüsseler Flüchtlingsquoten und letztlich gegen eine Aufnahme von Asylbewerbern sperren, allen voran Ungarn, das einen Nato-Drahtzaun errichtet hat, aber auch Polen, die baltischen Staaten, Tschechien und die Slowakei. Deren Premier Robert Fico sagt: „Ich will nicht eines Morgens in einem Land aufwachen, in dem Hunderttausend Araber leben.“

Die Sprache des West-Ost-Streits verschärft sich seit Wochen, gleichsam beim Zuhören. Doch zeichnet der finstere Begriff „Dunkeleuropa“ überhaupt ein richtiges Bild? Wenn ja: Wie kommt es, dass ausgerechnet im Osten der EU, der so lange unter Diktaturen gelitten und anschließend so enorm von der Solidarität seiner Nachbarn profitiert hat, so wenige Menschen Solidarität mit Flüchtlingen zeigen? Lässt sich „Dunkeleuropa“ verstehen?

Die Umfragewerte sind so eindeutig wie die Aussagen osteuropäischer Regierungspolitiker. 94 Prozent der Tschechen sind für eine Abschiebung von Asylbewerbern aus der EU. Sieben von zehn Slowaken wollen „keine Muslime im Land haben“. In Ungarn, wo Premier Viktor Orban regelmäßig vor einer „Islamisierung des christlichen Abendlandes“ warnt, halten zwei Drittel der Bürger Flüchtlinge für „gefährlich“.

Selbst die Aufrufe höchster moralischer Autoritäten verhallen ungehört. Friedensnobelpreisträger Lech Walesa, der 1989 in Polen die Freiheitsbewegung Solidarnosc zum Sieg führte, die „Solidarität“, fordert: „Wenn wir Menschen das Leben retten können, müssen wir das tun.“ Ähnlich hatte sich kürzlich Papst Franziskus geäußert. Doch im erzkatholischen Polen dominiert derzeit nicht das Gebot der Nächstenliebe. Vielmehr haben nach einer aktuellen Umfrage 68 Prozent der Bürger „Angst, dass Flüchtlinge aus dem Nahen Osten religiöse Konflikte nach Europa tragen“. 58 Prozent fürchten sogar Terroranschläge.

„Angst“ dürfte der Schlüsselbegriff zur Erklärung jenes „kulturellen Schocks“ sein, den die Flüchtlingswelle der vergangenen Monate im Osten Europas ausgelöst hat: Angst vor Gewalt, aber auch vor Überfremdung, vor dem Verlust der eigenen kulturellen und nationalen Identität und Unabhängigkeit. So jedenfalls sieht es der Warschauer Soziologe Aleksander Smolar, der in den 90er Jahren die ersten Regierungen im postkommunistischen Polen beraten hat.

Smolar ist unverdächtig, einer „nationalen Homogenität“ das Wort zu reden, im Gegenteil. „Polen ist ein provinzielles Land, es fehlt uns an Kreativität“, sagt er und fordert: „Wir müssen den kulturellen Schock (der Flüchtlingskrise) überwinden.“ Zugleich aber betont er: „Die ethnische, kulturelle und religiöse Homogenität des Landes hat Polen die Transformation nach 1989 unerhört erleichtert. Wir waren damals bereit, einen hohen Preis für Veränderungen zu bezahlen, weil es um UNS ging, um uns Polen.“

Spinnt man den Faden fort, so zeigt sich, dass sich die Osteuropäer bei der Rückschau auf 1989 keineswegs zuerst an flüchtende Menschen und fallende Mauern erinnern, sondern an ein „starkes Gemeinschaftsgefühl und einen patriotischen Aufbruch“ (Smolar). Tatsächlich war die Lage damals in vielen Ländern des östlichen Europas ähnlich: Die Bürger waren stolz auf die so opferreich erkämpfte Unabhängigkeit. Tschechen und Slowaken beharrten sogar darauf, ihre eigenen nationalen Wege zu gehen, und lösten ihren gemeinsamen Staat 1992 auf. Die Ungarn wählten später nicht von ungefähr Viktor Orban zum Premier, der sich auf König Stephan berief, den Nationalheiligen des Landes, der Ungarn im Mittelalter das Christentum brachte.

Das Stichwort „Homogenität“ verweist auf einen weiteren Erklärungsansatz, der in der Sozialpsychologie als anthropologische Konstante gesehen wird: Was Menschen fremd ist, versetzt sie vorsorglich in Alarmbereitschaft. „Womit habe ich es zu tun?“, lautet die natürliche, von Vorsicht und Angst geprägte Frage. Das gilt auch für den Kontakt mit Migranten, die in den „homogenen“ Staaten Osteuropas bislang die große Ausnahme sind. In Polen lag der Ausländeranteil 2014 bei rund 0,3 Prozent, in der Slowakei bei 1,1, in Ungarn bei 1,4, in Tschechien immerhin bei vier, in Deutschland aber bei fast neun Prozent.

Noch etwas kommt hinzu: Alle Länder Ostmitteleuropas mussten nach 1989 mit ansehen, wie vor ihrer Haustür, im ehemaligen Jugoslawien, nationale, ethnische, kulturelle und religiöse Konflikte in einen blutigen Bürgerkrieg mündeten. „Das war ein tragisches Beispiel“, sagt Smolar und fügt hinzu: „Dabei war Jugoslawien damals viel westlicher, wirtschaftlich stärker und besser entwickelt als Polen.“ Konflikte und Krieg gab es auch in der zerfallenden Sowjetunion, in Armenien und Aserbaidschan, in Georgien und nicht zuletzt in Polens Nachbarland Ukraine.

Das Beispiel Ukraine zeigt sehr gut, dass es den Menschen in Polen und anderen Staaten Osteuropas keineswegs grundsätzlich an der Bereitschaft zu tätiger Hilfe mangelt. Als 2014 die Lage in Kiew, auf der Krim und in der Ostukraine eskalierte, zeigten sich die Polen zu fast jeder Form der Unterstützung bereit, während viele Menschen in Deutschland die Schultern hoben und fragten: „Was geht uns die Ukraine an?“ Der in Warschau seit Langem erwartete Flüchtlingsstrom aus dem Nachbarland ist bislang zwar ausgeblieben. Aber eines gibt Polens Vizepremier Tomasz Siemoniak dennoch zu bedenken: „Die Deutschen sollten nicht glauben, uns Solidarität lehren zu müssen.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *