Mörderisches Jo-Jo-Spiel

Nach dem (wahrscheinlichen) Abschuss einer Passagiermaschine in der Ostukraine ringen Russland und der Westen weiter um die Deutungshoheit in dem Konflikt. In vielen EU-Staaten ist die Empörung groß. Rund zwei Drittel der fast 300 Toten waren EU-Bürger. Brüssel jedoch schreckt davor zurück, klare Fakten zu schaffen. Ein Kommentar.

Trümmerteile der Boeing 777, die am 17. Juli in der Ostukraine abstürzte - vermutlich nach einem Raktentreffer. (Foto: Ukrainische Botschaft)

Trümmerteile der Boeing 777, die am 17. Juli in der Ostukraine abstürzte – vermutlich nach einem Raktentreffer. (Foto: Ukrainische Botschaft)

Wladimir Putin spielt in der Ukraine-Krise seit Monaten ein Spiel, das man Marionetten-Jo-Jo nennen könnte. Die Figuren am Band des Kremlchefs sind die Separatisten in der Ostukraine und die eigenen Soldaten in der Region. Wenn es Putin ins Kalkül passt, lässt er Truppen und Söldner vorschnellen wie ein Jo-Jo. Kommt er an einen äußersten Punkt und trifft auf Widerstand, lässt der Strippenzieher seine Puppen zurückzucken.

Zu beobachten war dieses Spiel kurz vor dem EU-Außenministertreffen, bei dem es am Dienstag um erweiterte Sanktionen gegen Russland ging. Wenige Stunden vor der Zusammenkunft lenkten die Separatisten am Absturzort von Flug MH 17 plötzlich ein, gaben die Leichentransporte frei und händigten die Flugschreiber aus.

Im UN-Sicherheitsrat stimmte Moskau einer Resolution zu, die eine unabhängige Untersuchung forderte. Niemand sollte in Brüssel noch sagen können, Russland mache seinen Einfluss auf die Aufständischen nicht geltend oder behindere die Aufklärung der Tragödie.

Es ist schwer zu sagen, ob sich die Außenminister der EU davon beeindrucken ließen. Sicher ist, dass sie zwar erneut Drohungen und Mahnungen an die Adresse Moskaus formulierten, aber einmal mehr davor zurückschreckten, allzu klare Fakten zu schaffen. Um im Militärjargon zu bleiben: Sie schoben ein Torpedo ins Rohr, schossen aber nicht.

Das entspricht den europäischen Spielregeln, nach denen die Staats- und Regierungschefs bei umfassenden Wirtschaftssanktionen das letzte Wort haben. Ein Armutszeugnis ist das dennoch – trotz aller markigen Worte. Schlimmer noch: Es ist unfassbar, dass Frankreich unter diesen Vorzeichen an einem großen Rüstungsgeschäft mit Russland festhalten möchte. Aber es ist natürlich nicht allein Paris. Andere machen andere Geschäfte, Deutschland vorneweg.

Was muss eigentlich noch geschehen, dass sich die EU einmal zu konsequentem Handeln bereitfindet? Fast 300 Zivilisten sind tot, weil durchgeknallte Söldner im Osten der Ukraine alles tun, um ein Land, das nach Westen strebt, in Krieg und Chaos zu stürzen. Es mag noch nicht den letzten Beweis dafür geben, dass der Massenmord an den Passagieren von Flug MH 17 auf ihre Kappe geht. Völlig unstrittig ist aber, dass es die Katastrophe nicht gegeben hätte, wenn Putin nicht sein mörderisches Marionetten-Jo-Jo spielen würde.

One comment

  1. „Fast 300 Zivilisten sind tot, weil durchgeknallte Söldner im Osten der Ukraine alles tun, um ein Land, das nach Westen strebt, in Krieg und Chaos zu stürzen. “
    Ich bin mir nicht ganz sicher ob ich nicht an Haluzinationen leide, aber haben die ‚Separatisten‘ Kiew angegriffen oder der ‚Friedensbringer‘ Poroschenko den Osten der Ukraine?? Wieviel Tote gab es in der Ostukraine BEVOR Poroschenko den Krieg gegen das Volk begann??
    Ein Zitat aus der heutigen (23.7.2014) Ausgabe einer Tageszeitung (Nordkurier): „Die Ukraine setzt mit Rückendeckung der USA auf militärische Gewalt.“
    Wo gibt es noch Journalisten/Medien die wahrheitsgemäß berichten, damit ich mir mein eigenes Urteil bilden kann?

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