Polnischer Abgang

Wenn ich etwas nicht mag, dann sind es lange Abschiede. Es soll ja Leute geben, nein, es gibt sie tatsächlich, ich weiß es aus eigener Erfahrung, die erst dann, wenn sie schon im Flur stehen und die Jacke in der Hand halten, das eigentliche Gespräch beginnen. Das kann Stunden dauern und aus einer gemütlichen Sitzrunde eine ungewollte Stehparty machen.

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Polnischer Abgang in einem Storchennest in Nordpolen. (Foto: Krökel)

Im Gegensatz dazu liebe ich den polnischen Abgang. Der ist zwar, wenn ich das richtig sehe, eine deutsche Erfindung, lässt sich aber natürlich auch in Warschau vollführen. Den polnischen Abgang zeichnet seine Kompromisslosigkeit aus. Man macht sich, um es mit einem urdeutschen Wort zu bezeichnen, vom Acker, ohne sich von irgendwem zu verabschieden oder auch nur anzukündigen, dass man demnächst gehen werde. Man tut es einfach. Und tschüss…

Woher der Ausdruck „polnischer Abgang“ tatsächlich stammt, ist unklar. Wer stereotype Sticheleien liebt, übersetzt die Formel mit „sich davonstehlen“. In jedem Fall hat der polnische Abgang im Clubbing seine Wurzeln, das in Warschau mindestens so populär ist wie in Berlin.

Und zugegeben: Es hat schon Stil, sich an der Bar bei einem Cocktail mit einer schönen Frau auszutauschen, gern auch nonverbal, also aus dem Auge heraus, und dann, im entscheidenden Augenblick, wenn sie noch einmal auf der Toilette verschwindet, wie Frauen das fast immer tun, einfach zu gehen.

Ganz wichtig dabei: Handy aus! Denn selbst wenn man nur tiefe Blicke statt der Telefonnummern getauscht hat, findet sich in einem polnisch geprägten Club fast immer ein Informant, und sei es der Barkeeper. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob die Frau in dem geschilderten Fall auch nur einen Gedanken daran verschwenden würde, dem polnischen Abgänger hinterherzutelefonieren.

Es gibt übrigens sogar eine Facebook-Seite „Polnischer Abgang“, die ironisch als Nichtregierungsorganisation firmiert. Dort wird der Abgang als Versuch zur Schadensbegrenzung definiert. Das trifft wohl den Kern, jedenfalls meinen Kern. Denn geschädigt von den Abschieden der Vergangenheit bin ich zweifellos.

 

 

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