„Es wird ein schmutziger Kampf“

Der ukrainische Oppositionspolitiker Vitali Klitschko ist zum Gipfel der Östlichen Partnerschaft nach Vilnius gereist. Er will ein Zeichen setzen und die EU um Solidarität mit den Menschen in der Ukraine bitten. Im Interview spricht Klitschko über die EU-Hoffnungen seines Landes, den Fall Timoschenko und seine Kandidatur bei der Präsidentenwahl 2015.

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Wahlkampf 2008: Damals wollte Vitali Klitschko Bürgermeister in Kiew  werden – und scheiterte.

Hier in Vilnius treffen sich Präsidenten und Premierminister aus West und Ost. Sie sind Fraktionschef einer kleinen Oppositionspartei in Kiew. Warum sind Sie zu diesem Gipfel angereist?
Vitali Klitschko: Parallel zum Gipfel findet ein Treffen der konservativen Europäischen Volkspartei EVP statt, zu dem ich eingeladen bin. Aber es geht um mehr. Präsident Viktor Janukowitsch hat das Assoziierungsabkommen zwischen der Ukraine und der EU auf Eis gelegt. Das war ein Schock für uns alle. Wir wollen in Vilnius ein Zeichen dafür setzen, dass dieser Vertrag lebt. Er ist wichtig – nicht für uns Politiker, sondern für die Menschen in unserem Land.

Was erwarten Sie von diesem Gipfel, auch ohne das Abkommen?
Klitschko: Ich habe mich in den vergangenen Tagen riesig gefreut, als so viele führende europäische Politiker betont haben, dass die Tür nach Europa für die Ukraine offen bleibt. Wenn dieses Signal von Vilnius ausgeht, hilft uns das sehr. Der Vertrag ist und bleibt eine Hoffnung auf Reformen. Eine Hoffnung, unser Land grundlegend verändern zu können, die Korruption zu besiegen. Wir hoffen darauf seit unserer Unabhängigkeit vor 22 Jahren. Diese Hoffnung darf nicht sterben. Deswegen gehen derzeit Hunderttausende überall in der Ukraine auf die Straße und demonstrieren für das Abkommen mit der EU.

Viktor Janukowitsch.

Viktor Janukowitsch.

Was denken Sie: Warum hat Janukowitsch den Vertrag ausgesetzt?
Klitschko: Der Druck aus Moskau ist groß. Dabei wollen alle Ukrainer ein freundschaftliches Verhältnis zu Russland. Hinzu kommt, dass Präsident Janukowitsch Angst vor der Opposition hat. Er will Julia Timoschenko nicht aus der Haft entlassen. Das ist ein Zeichen der Schwäche.

Janukowitsch hat von der EU mehr Geld gefordert. Ist der Westen zu knauserig?
Klitschko: Nein, unser Präsident handelt wie ein Erpresser. Aus seiner Partei habe ich mehrfach gehört, dass er Julia Timoschenko regelrecht für Geld nach Deutschland verkaufen will, nach dem Motto: „Sie hat der Ukraine Schaden zugefügt. Wenn ihr bezahlt, darf sie ausreisen.“ So reden Piraten, die Geiseln genommen haben. Das hat mit moderner Politik nichts zu tun.

Julia Timoschenko vor ihrer Verhaftung. (Screenshot YouTube: Krökel)

Julia Timoschenko vor ihrer Verhaftung.

In der EU mehren sich die Stimmen jener, die das Abkommen mit der Ukraine auch dann unterzeichnen wollen, wenn Timoschenko nicht freikommt. Sie haben selbst geschildert, wie wichtig der Vertrag für Ihr Land ist. Sollte die EU auf die Ausreise-Forderung verzichten?
Klitschko: Man darf das nicht gegeneinander ausspielen. Beides ist wichtig. Wir können kein demokratisches Land sein, das mit der EU assoziiert ist, solange es bei uns politische Gefangene gibt. Andererseits hat Julia Timoschenko selbst immer wieder gesagt, dass die EU auf ihr persönliches Schicksal keine Rücksicht nehmen, sondern an die 46 Millionen Menschen in unserem Land denken soll. Ich habe größte Hochachtung vor ihr.

2015 sind in der Ukraine Präsidentenwahlen. Wird Janukowtisch seinen Kurs weiter verschärfen?
Klitschko: Er hat panische Angst, die Macht zu verlieren. Und er hat keine Skrupel, alle Mittel einzusetzen, die ihm zur Verfügung stehen. Es gibt große Zweifel daran, dass die Wahl frei sein wird.

Sie wollen selbst kandidieren. Was erwarten Sie vom Wahlkampf?
Klitschko: Ich habe als Boxer oft genug im Ring gestanden. Nun steht mir als Politiker mein schwierigster Kampf bevor, denn es gibt keine Regeln, kein Fairplay. Es wird ein schmutziger Kampf. Kürzlich hat die Regierung ein Steuergesetz verabschiedet, das mich von der Wahl ausschließen soll.

Weil Sie in Deutschland einen Wohnsitz haben und dort Steuern zahlen.
Klitschko: Ja. Sie tun alles, um mich zu stoppen. Sie verbreiten Lügen über mich, schlagen unter die Gürtellinie und spielen ständig foul.

Warum tun Sie sich das an?
Klitschko: Ich will in einem demokratischen Land leben. So einfach ist das. Ich bin als Sportler durch die ganze Welt gereist und habe viel gesehen. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass die Ukraine ein riesiges Potenzial hat. Ich möchte, dass wir dieses Potenzial nutzen können. So schnell wie möglich. Und das werden wir schaffen.

Braucht die Ukraine eine zweite orange Revolution?
Klitschko: Ich hoffe, dass es ohne Revolution abgeht. Revolutionen sind gefährlich, für die Menschen, für die Wirtschaft, auch für unsere Nachbarn. Ich setze auf einen friedlichen Machtwechsel.
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Zur Person:
Wie man zuschlägt und trifft, weiß Box-Weltmeister Vitali Klitschko. Seit 2010 kämpft der 42-Jährige im politischen Ring. Damals gründete der Schwergewichtler die proeuropäische Partei Udar (Schlag) als Gegenkraft zum autoritären Präsidenten Viktor Janukowitsch. Bei der Wahl 2012 zog Udar mit 14 Prozent der Stimmen als Oppositionspartei ins Parlament ein. Klitschko gilt im korrupten Kiewer Politbetrieb als unbelasteter Hoffnungsträger. Er hat seine Kandidatur bei der Präsidentenwahl 2015 erklärt.

 

 

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