Die Macht der Vergangenheit

In Warschau dominierte in dieser Woche der Blick nach vorn. Der Weltklimagipfel tagte, und obwohl Ergebnisse Mangelware blieben, war das Thema doch die Zukunft. Welche Kraft dagegen der Geschichte innewohnt, zeigte sich derweil in Krakau. Dort reichten Veteranen der ehemaligen polnischen Heimatarmee (Armia Krajowa/AK) Klage gegen die Produzenten der deutschen Kriegstrilogie „Unsere Mütter, unsere Väter“ ein.

In dem Film, den im Frühjahr zuerst das ZDF ausstrahlte, zeichnen die Macher ein grob verfälschendes Bild der AK. Die Partisanen, die im Zweiten Weltkrieg unter Einsatz ihres Lebens gegen die Nazi-Besatzung kämpften, werden dort pauschal als gewissenlose Antisemiten dargestellt. Über diese „Gleichsetzung mit der SS“, empörten sich nach der Premiere zahllose polnische Kritiker. Sie waren fassungslos, dass der Film in Deutschland mit hohen Auszeichnungen wie dem Fernsehpreis 2013 bedacht wurde.

Die Kläger in Krakau verlangen von der Firma des Produzenten Nico Hofmann eine Entschädigung in Höhe von umgerechnet 12.000 Euro sowie eine Entschuldigung für die Beleidigung der Heimatarmee. „Das ist unsere zentrale Forderung“, erklärte die Anwältin der AK-Veteranen, Monika Brzozowska. Die Entschuldigung solle dem Film künftig bei jeder Ausstrahlung in einem Vorspann vorangestellt werden. Das sei besonders wichtig, weil der Dreiteiler bereits in Dutzende Länder weltweit verkauft worden sei. Diese Art der Geschichtsfälschung dürfe nicht unkommentiert Verbreitung finden.

Juristen räumen der Klage geringe Aussichten auf Erfolg ein. Dass der Film die Persönlichkeitsrechte der AK-Soldaten verletzt, wie sie behaupten, dürfte angesichts der abstrahierenden künstlerischen Darstellung schwer nachzuweisen sein. Der  Gerichtssaal ist deshalb sicher der falsche Ort, um die Geschichte aufzuarbeiten.

Freie Fahrt im Niemandsland: Ein Stück Europa an der deutsch-polnischen Grenze bei Stettin. (Foto: Krökel)

Freie Fahrt im Niemandsland: Ein Stück Europa an der deutsch-polnischen Grenze bei Stettin. (Foto: Krökel)

Dennoch täte die deutsche Öffentlichkeit gut daran, diesen Akt der Verzweiflung ernst zu nehmen. Denn klar ist: Wenn Deutsche und Polen die Zukunft im Herzen Europas gemeinsam gestalten wollen, dann dürfen sie die Vergangenheit nicht aus dem Blick verlieren. Viele Wunden sind noch nicht verheilt. Der Schmerz raubt Kraft. Das zeigt sich konkret auch im Klimaschutz. Viele Menschen im Kohleland Polen fühlen sich von deutschen Weltverbesserern schlicht gemaßregelt. Man kann es ihnen kaum verdenken, schließlich ist die dringende Notwendigkeit, das Land unter Einsatz von immer mehr Energie von Grund auf zu modernisieren, bei genauem Hinsehen eine Spätfolge des Zweiten Weltkriegs.

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