Reise nach Jerusalem

Die britische Sängerin Tanita Tikaram ist nach ihren großen Erfolgen Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre ein wenig in Vergessenheit geraten. Einen Namen aber hat sie immer noch, und der zieht auch in Polen. Am Mittwoch war ich bei einem Tikaram-Konzert im Warschauer Klub „Palladium“. Der Saal im Palladium bietet vielleicht 300, 400 Besuchern Platz. Sitzplatz, um genau zu sein.

Darum nämlich entbrannte am Konzertabend Streit. Ich hatte – wie einige Dutzend andere Zuschauer auch – eine Karte im Internet gekauft, anhand des Saalplans. Reihe X, Platz Y. Kein Zweifel also, dass es sich um einen Sitzplatz handelte. Kaum jedoch hatte ich meinen Sessel eingenommen, beanspruchte ein junger Mann meinen Platz Y in Reihe X. Tatsächlich hatten wir beide eine Karte, die eben diesen Sitz auswies.

Ein Einzelfall waren wir nicht. Noch während ich diskutierte, entbrannte die gleiche Diskussion bei meinen Nachbarn zur Linken. Um es kurz zu machen: Der Saal war überbucht, einige Dutzend Plätze waren doppelt vergeben. Glück für mich: Wer zuerst sitzt, muss nicht stehen. Das nämlich war die Ausrede der Klubleitung: Es gebe auch einige Stehplätze, die als „Reihe X, Platz Y“ usw. ausgewiesen seien. Aha! Zeigen konnte die nummerierten Stehplätze natürlich niemand.

Die Warschauer Reise nach Jerusalem mit viel zu wenigen Stühlen mündete in einen „zwykły polski bałagan“, wie die zu spät Gekommenen schimpften – einen typisch polnischen Wirrwarr. Als Deutscher hätte ich mich natürlich nie getraut, ein solches Stereotyp („polnische Wirtschaft“!) zu bemühen, zumal ich Polen keineswegs besonders chaotisch erlebe. Der Pole an sich sieht das offenbar anders.

Umgekehrt hätte ich die typisch deutsche Empörung in einem Fall wie diesem nicht sehen und hören wollen. Wahrscheinlich wäre es zu einer Sitzblockade im Klub gekommen. Da wiederum sind die Polen anders. Sie nehmen es mit Humor, fragen die Platzanweiser, ob es außer nummerierten Stehplätzen in einer imaginierten Reihe X auch nummerierte Hängeplätze unter der Decke gebe – und hocken sich irgendwo hin. Was hat man auch davon, sich vom bałagan die Laune verderben zu lassen?

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