Das Hasenherz eines Boxers

„Feigheit ist die schlimmste Sünde.“ Der Satz stammt von dem Kiewer Schriftsteller Michail Bulgakow („Der Meister und Margarita“) und richtete sich vor allem an die eigene Adresse. Bulgakow, ein scharfzüngiger Sowjetkritiker, hatte mit Stalin angebändelt, um seine Existenz und sein Werk zu retten.

Luxuslimousine in der postsowjetischen Oligarchen-Metropole Donezk. (Foto: Krökel)

Im Hinterhof der Macht: Luxuslimousine in der Oligarchen-Metropole Donezk. (Foto: Krökel)

Von ganz anderer Art ist die Feigheit, die derzeit in Kiew zu spüren ist. Furcht treibt weniger die Kritiker der Macht um, die Dissidenten und die Oppositionellen. Es sind die Regierenden um Präsident Viktor Janukowitsch, die Angst haben und Feigheit verströmen.

Janukowitsch, dessen Partei der Regionen eng mit den berüchtigten Oligarchen aus dem Donbass verbunden ist, hat seine schärfste Gegnerin Julia Timoschenko von einer willfährigen Justiz ins Gefängnis werfen lassen. Jetzt muss er sie ziehen lassen, wenn er die Anbindung seines Landes an die EU durchsetzen will.

Dabei versucht Janukowitsch alles, um seine Erzrivalin von einer Teilnahme an der Präsidentenwahl 2015 auszuschließen. Er hat schlicht Angst vor ihr, weil er ihr intellektuell weit unterlegen ist. Diese Furcht vor Timoschenko ist im Janukowitsch-Lager auf allen Ebenen mit Händen zu greifen.

Niemand kann derzeit sagen, ob Timoschenko schuldig ist oder nicht. Sie hat keinen fairen Prozess bekommen. Deshalb gilt noch immer die Unschuldsvermutung. Ohnehin ist aber der Gerichtssaal der völlig falsche Ort für diesen Kampf.

Im Janukowitsch-Lager gibt es Dutzende hochrangige Politiker und milliardenschwere Wirtschaftsbosse, die man ebenso vor Gericht stellen könnte, oder richtiger: müsste. In der Ukraine aber herrscht noch immer eine selektive, politisch motivierte Justiz. Dafür ist Timoschenko zum Symbol geworden, und deswegen fordert die EU zu Recht ihre Freilassung.

Mir persönlich ist nicht klar, warum Janukowitsch und seine Leute zu feige sind, sich mit Timoschenko politisch auseinanderzusetzen. Der Gasvertrag, den die einstige Heldin der Revolution in Orange mit Russland ausgehandelt hat, war ein schlechtes Geschäft für die Ukraine. Das wäre die beste Munition für einen demokratischen Wettstreit.

Stattdessen hat der Präsident seine Gegnerin in den Kerker werfen lassen. Das nenne ich feige. Janukowitsch war einmal ein Amateurboxer. Das Herz eines Boxers hat er nicht – allenfalls das Herz eines Hasen. Da lobe ich mir dann doch die Klitschko-Brüder. Vielleicht sind ihre Kämpfe nicht spektakulär. Immerhin aber fighten sie ehrlich, fair und mutig.

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