Breslau oder Wrocław – das ist die Frage

Eine kleine Namenskunde für Polen und die Ukraine.

Mit der Ortsmarke Warschau werden in den kommenden EM-Wochen viele Texte beginnen. Oder muss es Warszawa heißen? So nennen immerhin die Polen ihre Hauptstadt. Das ist Unsinn, natürlich, auch wenn die liebevolle Abkürzung „WaWa“ ihren Reiz hat. Aber Warszawa? Wir sagen ja auch nicht Moskwa oder Lisboa. Doch wie steht es um Posen und Poznań oder Danzig und Gdańsk? Noch schlimmer: Darf sich der deutsche Reporter aus Breslau melden, oder muss er „Tor in Wrocław!“ rufen und vorher drei Stunden trainieren, damit er sich nicht die Zunge bricht?

Die Frage ist historisch sensibel. Sowohl Danzig/Gdańsk und Posen/Poznań als auch das schlesische Breslau/Wrocław waren jahrhundertelang nicht nur Orte der Begegnung zwischen Polen und Deutschen. Sie waren vor allem umkämpft. Die Wehrmacht fiel 1939 mit dem Schlachtruf „Danzig muss wieder deutsch werden!“ über Polen her. Noch lange nach dem Krieg propagierten Vertriebene die Losung „Schlesien ist unser“. Manch einer träumt bis heute davon. Das macht viele Polen unruhig. „Warum sagt ihr immer noch Breslau, obwohl es doch längst Wrocław ist?“, fragen sie.

Sauber zu trennen sind die historisch-politische und die sprachliche Dimension nicht. Ein paar Regeln für eine kleine Namenskunde lassen sich aber schon aufstellen. Überall dort, wo es eine gängige deutsche Fassung gibt, ist diese zulässig. Kein Mensch sagt Milano, Praha oder Strasbourg, genauer: Kein Deutscher sagt das, auch wenn das elsässische Straßburg eine ähnlich schwierige Geschichte hat wie Danzig/Gdansk. Und selbstredend heißt es Mailand und Prag. Also bleibt Breslau auch Breslau, und der Kelch, Wrocław richtig aussprechen zu müssen, geht an Gerhard Delling und Co. vorbei (richtig in etwa: Wrotzwaff, wobei das zweite W wie im englischen „when“ ausgesprochen wird). Im Übrigen sagen die Polen Lipsk und Monachium, wenn sie Leipzig und München meinen.

Wie aber steht es um das ukrainische Charkiw, das die meisten Deutschen Charkow nennen? Schwierig, ganz schwierig! Charkow ist der russische Name. Offiziell und ukrainisch heißt es Charkiw. Auch hier spielt die Geschichte hinein. Die Russen haben Charkow gegründet, und die Stadt gehörte über Jahrhunderte zum Zarenreich. Heute aber ist Charkiw ukrainisch, da gibt es kein Vertun. Der Vergleich mit Breslau/Wrocław wiederum hinkt gleich auf beiden Füßen, denn niemand (außer einigen ukrainischen Ultranationalisten) wird den Russen verbieten wollen, Charkow zu sagen. Warum aber sollten die Deutschen den russischen Namen übernehmen?

Charkiw ist die korrekte Wahl, nicht nur politisch, sondern in jeder Hinsicht korrekt. Deshalb muss noch lange niemand in vorauseilendem Gehorsam gegenüber den Ukrainern von Kyiv reden, denn in dem Fall greift Regel A: Die gängige deutsche Variante gilt. „Elfmeter in Kiew!“ Oder auch in Lemberg. Das ist zwar wie im Falle Breslau/Wrocław heikel, denn die galizische Metropole war nur vorübergehend Teil der österreichischen Habsburger-Monarchie. Aber Lemberg ist als deutscher Name in der Welt, er sollte den Vorzug vor Lwiw erhalten. Die Polen übrigens, zu deren Königreich die Stadt lange gehörte, sagen Lwów (sprich: Lwuw). Niemand in Polen käme auf die Idee, von Lwiw zu reden. Das wiederum führt die gleichzeitige Forderung nach Wrocław erst recht ad absurdum.

Und die Moral von der Geschichte? Man hätte alle EM-Spiele in Donezk austragen sollen. Da gibt es keine zwei Meinungen. Polen, Russen, Ukrainer und Deutsche sagen Donezk – mit leichter Akzentverschiebung. Aufbegehren könnten höchstens die Briten. Gegründet hat die Stadt John Hughes als Jusowka (Hughes-owka). Donezk heißt das zwischenzeitliche Stalino erst seit 1961. Im Übrigen war Hughes allerdings Waliser, und so sollten die Engländer Ruhe bewahren, wenn sie in Jusowka-Donezk ihr erstes Vorrundenspiel gegen Frankreich austragen.

P.S.:  Es heißt Ukra-ine, nicht Ukraine wie in Mai. So sagen es die Ukra-iner. Andererseits: Ukraine statt Ukra-ine gilt als eine mögliche eingedeutschte Variante. Sie dürfen es also sagen. Letztlich sind Namen ohnehin Schall und Rauch.

2 comments

  1. Über Charkiw…
    „Die Russen haben Charkow gegründet“ – falsch!!! Die tragt die Name von Siedlung, die dem kozak Charko gehörte.
    „und die Stadt gehörte über Jahrhunderte zum Zarenreich“ – natürlich rictig. Warschaw war auch unter russische Macht. Sogar Berlin auch… unter einfluß… Und was wäre es… sei sie (Russen) dort jahrhundertlang???

  2. Ich finde die Vergleiche ob Breslau oder Wroclaw bzw. Moskau/Moskwa, Lissabon/Lisboa etc.pp. mit Verlaub unpassend und in keiner Weise zutreffend, da es sich bei Moskau, Lissabon etc. eindeutig um die Übersetzung ins Deutsche handelt, Das dürfte wohl aus dem jeweiligen Wortstamm zu entnehmen sein. Bei Breslau oder Wroclaw kann man wohl nicht von einer nur ansatzweisen Ähnlichkeit des Wortstammes ausgehen. Daraus dann das Gleiche abzuleiten, indem man sagt, also bleibt Breslau Breslau und basta, hinkt meines Erachtens total. Sondern der Namensgebung Breslau oder Wroclaw dürften wohl ausschließlich historische wie politische Hintergründe zugrunde kriegen, und eben keine sprachlichen wie in den anderen Beispielen. Für mich hat man 70 Jahre danach endlich zu akzeptieren, dass die einheimischen polnischen Staatsbürger ein Recht darauf haben uneingeschränkt ihren polnischen Namen tragen zu dürfen, da diese seit Jahrzehnten ein für sich souveränes Volk sind, welches schon lange nicht mehr von Deutschen politisch verwaltet noch besetzt ist.

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