Schmierentheater

In Charkiw hat der zweite Prozess gegen Julia Timoschenko begonnen. Die ukrainische Oppositionsführerin war jedoch nicht anwesend. Sie hat einen Wirbelbruch erlitten, sagen deutsche Ärzte. Ein Kommentar…

Der Fall Julia Timoschenko wird immer mehr zur Schmierenkomödie. Jeder in der Ukraine weiß, dass die Richter dort Marionetten der Macht sind. Was sich am Donnerstag im Gerichtssaal in Charkiw abspielte, ist deshalb mit dem Begriff Farce nur unzureichend beschrieben. Präsident Viktor Janukowitsch und seine mafiosen Hintermänner wollen Timoschenko (zumindest politisch) vernichten. Sie soll im Kerker bleiben, unter welch fadenscheinigen Anklagen auch immer.

Wichtig ist dabei festzuhalten, dass Timoschenko selbst aus einem ähnlichen Holz geschnitzt ist wie ihre Gegner. Vor der Präsidentenwahl 2010 war klar: Der Sieger bekommt alles in der Ukraine. Hätte Timoschenko triumphiert, wäre es Janukowitsch schlecht ergangen. Die Macht entscheidet.

Es ist nicht einmal falsch, wenn der Staatsanwalt im zweiten Timoschenko-Prozess sagt, die heutige Oppositionsführerin habe das ukrainische Volk betrogen und beraubt. Allerdings haben das alle Herrschenden in Kiew seit dem Zerfall der Sowjetunion getan, und sie tun es noch immer. Und Fakt ist auch: Das Verfahren gegen Timoschenko ist Lichtjahre weit von dem Bemühen um Wahrheitsfindung entfernt.

Lobenswert, aber auch bedenklich ist der Einsatz der Bundesregierung und der Berliner Charité-Ärzte in dem Fall. Wer sich mit den Ukrainern auf ein Spiel nach ihren Regeln einlässt, hat schon verloren. Mehrfach wurden die deutschen Mediziner, Politiker und Diplomaten bereits von ihren Gegenspielern über den Tisch gezogen. Janukowitsch zum Beispiel hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel vor einem halben Jahr eine Amnestie für Timoschenko in die Hand versprochen. Doch daraus wurde genauso wenig, wie es aller Voraussicht nach auch keine Ausreiseerlaubnis für Timoschenko geben wird.

Auch Charité-Chef Karl Einhäupl gerät immer stärker zwischen die Fronten und muss sich daran gewöhnen, dass ihm das Wort im Munde umgedreht wird. Bleibt nur zu hoffen, dass seine Mannschaft – wie auch immer – die Chance bekommt, Timoschenkos Wirbelbruch zu behandeln. Denn sonst endet die Schmierenkomödie schlimmstenfalls als Tragödie.

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