Warschau, meine Perle

Zwischen der Ukraine und Polen liegt eine Zivilisationsgrenze. Das hat mich eine Reise nach Donezk gelehrt.

Alle Rechte bei mir.

Zeche Oktjabrskoje in Donezk, Ostukraine (Foto: Krökel)

Selten war ich so froh, nach Warschau zurückzukehren, wie in der vergangenen Woche. Zugegeben: Die polnische Hauptstadt ist auf den ersten Blick alles andere als eine Perle. Warschau ist spannend, entwickelt sich unwiderstehlich dynamisch und hat viel Kultur zu bieten. Aber die Metropole mit ihren 1,7 Millionen Einwohnern und hunderttausenden Pendlern ist auch ein Moloch, in dem Lärm, Dreck und Gestank oft zum Alltag gehören. Dennoch wähnte ich mich im nachösterlichen Warschau geradezu im Paradies, als ich dem Flieger aus Kiew entstieg.

Wäre es nur Kiew gewesen! In der ukrainischen Hauptstadt kann man irgendwie überleben. Mich aber hatte es zuvor nach Donezk im finsteren Osten des Landes verschlagen. Die Stadt und die dazugehörige Donbass-Region sind eine Art Ruhrgebiet der Ukraine – allerdings mit einem Zeitsprung von 100 Jahren in die Vergangenheit. Über dem Donbass hängt mitunter eine Smog-Wolke, deren krebserzeugende Zusammensetzung man nicht nur riechen, sondern regelrecht schmecken kann.

Ein echter Härtetest für alle Sinne ist jedoch eine Fahrt im Nachtzug von Donezk nach Kiew. In einen Großraum-Schlafwagen passen dort rund 60 Menschen. Sie alle haben ihre Ausdünstungen, um es vorsichtig zu formulieren – vor allem nach ausgiebigem Wodka-Genuss. Eine nennenswerte Belüftung gibt es nicht in dem Zug, und die Fenster haben während der Fahrt geschlossen zu bleiben. Die Pritschen von 1,80 Länge, 60 Zentimeter Breite und 70 Zentimeter Zwischenraum bis zur Decke erlaubt bei entsprechender Größe nur embryonales Liegen.

In Warschau wie in Donezk werden im Juni je fünf Spiele der Fußball-Europameisterschaft ausgetragen. Beide Städte haben fantastische Stadien. In Polen hat unter großen Mühen der Staat die Arena errichtet. In Donezk hat ein milliardenschwerer Oligarch, dem man eine kriminelle Vergangenheit zuschreibt, den Bau aus der Portokasse bezahlt. Die Schornsteine seiner Fabriken schleudern dennoch weiterhin Gift in die Landschaft.

Selbst wer noch so politisch korrekt ist, wird zwischen der Ukraine und Polen eine Zivilisationsgrenze ausmachen. Ich erkenne sie zum Beispiel daran, dass ich in Warschau in gemütlichen Cafés gesittet Zeitung lesen oder mich unterhalten kann. In Donezk plärrt meist Dauerreklame aus den Lautsprechern. Auch 20 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion tobt sich dort der wildeste Kapitalismus völlig ungehemmt aus. Und der Kaffee schmeckt nach der Kohle der Region. Aber ich bin ja glücklich zurückgekehrt in mein (relativ) wunderschönes Warschau.

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