Heimspiel im Ausland

Bundespräsident Gauck besucht gleich zu Beginn seiner Amtszeit Polen. Es ist ein Muster ohne Wert.

Joachim Gauck fliegen die Herzen auch in Polen zu. Der Bundespräsident war am Montag noch gar nicht zu seiner ersten Auslandsvisite in Warschau eingetroffen, da prasselte schon Lob von allen Seiten auf den neuen Bundespräsidenten nieder. Die Liberalen um Ministerpräsident Donald Tusk sehen in ihm vor allem den Herold der Freiheit und des geeinten Europas. Die Konservativen um Ex-Premier Jaroslaw Kaczynski bewundern Gauck als Stasi-Jäger. Und die gesamte Nation fühlt sich geehrt durch die warmen Worte des deutschen Staatschefs, der die Polen mit ihrer Freiheitsliebe immer wieder als sein Vorbild preist.

Bei Joachim Gauck darf man sicher sein, dass es sich bei den Komplimenten nicht um diplomatische Bauchpinselei vor einem Antrittsbesuch handelt. Der Bundespräsident ist umgekehrt auch durchaus dazu bereit, den Finger in offene polnische Wunden zu legen. Er bemängelt die fehlende Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit im Land, selbst wenn er nicht danach gefragt wird. Anecken wird er mit seiner Art in Warschau nicht. Es gehört zum polnischen Selbstverständnis, Kritik anzunehmen, wenn sie ehrlich und nicht böswillig gemeint ist.

So weit, so gut. Doch niemand sollte die Wirkung von Gaucks Heimspiel bei seinen alten polnischen Freunden überbewerten. Wenn er seinem eigenen Gestaltungsanspruch gerecht werden will, der für einen Bundespräsidenten mit seinen begrenzten Kompetenzen besonders schwer zu erfüllen ist, wird Gauck mehr liefern müssen. Mit dem Versuch, direkt von Warschau aus nach Paris weiterzufliegen, um auch dem deutsch-französischen Verhältnis einen ersten eigenen Stempel aufzudrücken, ist der Präsident gescheitert.

Schon wahr: Der französische Staatschef Nicolas Sarkozy befindet sich im Wahlkampf und hat weder Zeit noch Sinn für einen faktisch machtarmen Repräsentanten aus Berlin. Doch die „Abfuhr für Gauck“, von der hinter den diplomatischen Kulissen gemunkelt wird, sollte ihm ein erstes Warnzeichen sein, die Wirkungsmacht der eigenen Person nicht zu überschätzen. Die „echte“ Politik machen weiterhin Sarkozy und Kanzlerin Angela Merkel.

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