Eine Nummer zu groß

US-Präsident Obama hat seine Europa-Reise mit einer Stippvisite in Polen beendet. Den Abstecher hätte er sich sparen können.

Der polnische Freiheitsheld Lech Walesa ist für sein aufbrausendes Temperament bekannt. Wenn sich der einstige Arbeiterführer missachtet fühlt, kennt er schnell keine Verwandten mehr. Und so erteilte er am Wochenende selbst dem mächtigsten Mann der Welt schroff eine Absage. Ein Treffen mit US-Präsident Obama bei dessen Warschau-Besuch schwänzte Walesa kurzerhand.

Die Farce um die beiden so ungleichen Friedensnobelpreisträger wurde zum Sinnbild des Scheiterns. Fehlgeschlagen ist in Warschau vor allem der Versuch Obamas, die rasant fortschreitende Entfremdung zwischen den Vereinigten Staaten und den jungen Demokratien Osteuropas mithilfe einer kaum 24-stündigen Stippvisite aufzuhalten.

Die Idee der Reise war allzu simpel. Obama wollte in Polen Gesicht zeigen und die Partnerländer durch seine bloße Teilnahme an dem ominösen Mittel-Osteuropa-Gipfel wieder auf Linie bringen. Doch die Zeiten, in denen ein US-Präsident allein mit Worten und symbolischen Gesten fast alles bewirken konnte, sind vorbei.

In Polen und den anderen Ländern der Region fragt man zu Recht nach Konsequenzen für die praktische Politik. Nur weil sich die USA Demokratieförderung auf die Fahnen schreiben, ändert sich die Realität in Weißrussland oder der Ukraine nicht. Die Wirklichkeit zwischen Ostsee und Schwarzem Meer hängt längst vor allem von Entscheidungen ab, die in Brüssel und Moskau fallen – nicht in Washington.

Gescheitert ist an diesem Warschauer Wochenende aber auch endgültig die in Polen noch immer virulente Idee, sich zur Führungsmacht im östlichen Teil des Kontinents aufschwingen zu können. Dazu fehlt es dann doch an Substanz und Reichweite. Serben und Rumänen etwa sagten ihre Teilnahme am Mittel-Osteuropa-Gipfel brüsk ab, weil auch ein Vertreter des Kosovo auf der Gästeliste auftauchte.

Premier Donald Tusk und Präsident Bronislaw Komorowski kann man zugute halten, dass der Ansatz nicht von ihnen stammt. Es waren die Kaczynski-Zwillinge, die sich einst in maßloser Selbstüberschätzung zu Premium-Partnern der USA erklärten, die EU ignorierten und sich beispielsweise in der Ukraine und Georgien als Heilsbringer andienten. Das musste schiefgehen. Tusk und Komorowski setzen dagegen auf ein kalkuliert gutes Verhältnis zu Moskau sowie enge Beziehungen zu Brüssel und Berlin. Dieses Modell hat Zukunft. Und mancher Gernegroß in London, Rom oder Paris könnte sich daran gut ein Beispiel nehmen.

One comment

  1. Ja, so hätten Sie es gerne.

    Kein gutes Verhältnis zu den USA, Isolation in der Region, passive Naivität gegenüber Russland und Abhängigkeit vom Wohlwollen Deutschlands.

    Ein Traumpolen für jeden Deutschen.

    Zum Glück schaut die Wahrheit ganz anders aus und entspricht nicht der Wunschvorstellung derer, die ein normales selbstbewußtes Polen psychologisch immernoch nicht verkraften und begreifen können.

    Hier ein schöner Artikel zum Thema.

    http://www.defenceviewpoints.co.uk/articles-and-analysis/visegrad-group-a-new-european-military-force

    ….

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