„Wir wollen endlich Gerechtigkeit!”

Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Völkermord: Der einstige bosnische Serbenführer Radovan Karadzic soll für den Tod von Zehntausenden Menschen verantwortlich sein. Doch der Prozess gegen ihn vor dem UN-Jugoslawien-Tribunal in Den Haag trägt Züge einer Farce.

Metzeleien, Morde und Massaker
Die Anklage ist unmissverständlich: „Es wurde auf Mütter geschossen, die mit ihren Kindern spazieren gingen, auf spielende Schüler, auf Passanten, völlig wahllos.“ Die Belagerung Sarajevos gehört zu den besonders grausamen Kapiteln des Bosnienkrieges der Jahre 1992-95, in dem bis zu 200.000 Menschen starben. Befohlen haben soll all die Metzeleien, Morde und Massaker  der frühere Serbenführer Radovan Karadzic. Von morgen an muss sich der 64-Jährige nach einer mehrmonatigen Pause wieder vor dem UN-Jugoslawien-Tribunal in Den Haag verantworten.

„Keine Gerechtigkeit ohne Rechtsstaatlichkeit“
Erscheinen wird der Angeklagte dort einmal mehr nicht. Seit das Gericht es dem im Sommer 2008 verhafteten Karadzic gestattet hat, sich selbst zu verteidigen, boykottiert er den Prozess. Die Regeln des Tribunals verlangen, dass dem Angeklagten „hinreichend Zeit zur Vorbereitung der Verteidigung“ gegeben wird. Doch sind anderthalb Jahre nicht genug? Kritiker werfen dem Gericht vor, sich von dem Mann mit der weißen Löwenmähne auf der Nase herumtanzen zu lassen. „Wir wollen endlich Gerechtigkeit!“, empören sich Vertreter von Opferverbänden. Die UN-Juristen halten dem entgegen, dass es ohne die strikte Beachtung rechtsstaatlicher Prinzipien keine Gerechtigkeit geben könne. Chefankläger Serge Brammertz sagt: „Was zählt, ist, dass Karadzic nach so vielen Jahren auf der Flucht überhaupt festgenommen wurde.“

Die schützende Hand der serbischen Politik
Tatsächlich war der Führer der bosnischen Serben  ein Jahr nach dem Friedensschluss von Dayton (1995) abgetaucht. Bis zum Sommer 2008  lebte Karadzic  unbehelligt in Serbien. Zuletzt praktizierte der studierte Mediziner und Hobbyliterat mitten in Belgrad als Arzt. Offenkundig hielten einflussreiche Kreise der serbischen Politik und des Militärs ihre schützende Hand über den mutmaßlichen Massenmörder.

Wie Vieh in der Stadt zusammengetrieben und abgeschlachtet
In Den Haag  muss sich Karadzic wegen Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord verantworten. Bei einer Verurteilung droht ihm lebenslange Haft. Als zentrale Punkte herausgegriffen haben die Ankläger elf Fälle, darunter die Belagerung Sarajevos und das Massaker von Srebrenica im Juli 1995. Damals trieben bosnisch-serbische Truppen rund 8000 muslimische Jungen und Männer in der Stadt wie Vieh zusammen und schlachteten sie ab – mitten in einer Schutzzone der Vereinten Nationen, direkt vor den Augen niederländischer Blauhelmsoldaten.

Klägliches Klein-Klein
Angesichts der unbeschreiblichen Gräuel, die in Den Haag verhandelt werden, wirkt das Klein-Klein um den Prozessablauf besonders kläglich. Karadzic lässt die Richter immer wieder wissen, dass „ich weiter hart daran arbeite, meinen Prozess vorzubereiten und meine Eröffnungserklärung abzugeben, sobald ich mich dazu in der Lage sehe.“ Es sind Sätze wie diese, die das Verfahren in den Augen der Opfer zu einer Farce machen. Immerhin hat es das Gericht inzwischen geschafft, einen Pflichtverteidiger für Karadzic zu benennen, so dass der Prozess morgen auch ohne den Angeklagten fortgesetzt werden kann. Dennoch ist ein schnelles Ende nicht in Sicht. Frühestens um die Jahreswende 2012/13 sei mit einem Urteil zu rechnen, sagt Chefankläger Brammertz. Auf Gerechtigkeit müssen die Opfer also lange warten.

Erschienen in „Schleswig-Holstein am Sonntag” (28. Feb. 2010)

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