Hinrichtung am Weihnachtstag: Das Ende der Ceausescu-Tyrannei

Vor 20 Jahren, zu Weihnachten 1989, stürzte der rumänische Diktator Nikolae Ceausescu. Ein Militärtribunal verurteilte den Tyrannen zum Tode, die Hinrichtung wurde sofort vollstreckt. Hatte die Revolution gesiegt? Oder war einer Gruppe von Putschisten ein Staatsstreich gelungen?

Die Salve hallt durch den Hinterhof, als sei ein Silvester-Knallfrosch vorzeitig explodiert. Doch als sich der Pulverdampf an diesem ersten Weihnachtstag 1989 legt, gibt er den Blick frei auf zwei in sich verschachtelte Leichen. Nikolae Ceausescus Körper ist nach hinten gekippt. Die Beine, in den Kniekehlen abgeknickt, reichen bis unter den Rücken. Elena Ceausescu liegt auf der Seite, die Arme unnatürlich nach hinten gerissen. Aus ihrem Schädel ergießt sich ein Strom von Blut. Das Kopftuch, das die Frau des Diktators an ihrem Todestag trug, verdeckt gnädig das halb weggeschossene Gesicht. Es ist kein schöner Anblick, den die Filmsequenz über die Hinrichtung des rumänischen Tyrannenpaares bietet.

Tyrannei – Gewaltherrschaft: Das ist es, was die Staatsanwälte den Ceausescus in dem vorangegangen Schautribunal vorwerfen. Auch davon existieren Videoaufnahmen. Sie zeigen einen schäbigen Raum in einer Kaserne unweit von Bukarest, der als improvisierter Gerichtssaal dient. „Nikolae und Elena Ceausescu“, führt der Chefankläger des Militärtribunals aus, „haben wie Despoten gehandelt und das Volk, deren Führer sie zu sein behaupteten, zugrunde gerichtet. Im Namen der Opfer fordere ich für die beiden Tyrannen die Todesstrafe.“

Der „irdische Gott“, wie sich Nikolae Ceausescu gern nennen lässt, gibt sich unberührt von all dem. „Ich sage nichts“, wiederholen er und seine Frau immer wieder. „Wir erkennen dieses Gericht nicht an.“ Mickrig wirken die beiden auf ihren winzigen Holzstühlen. Nur einmal bricht es aus dem Diktator heraus: „Ich habe alles getan, damit die Menschen in Rumänien ein so reiches Leben führen können wie in keinem anderen Land der Welt.“ Die historischen Tatsachen sprechen eine andere Sprache: Hunderttausende Todesopfer gehen auf das Konto der kommunistischen Willkürherrschaft der Ceausescus und ihrer Geheimpolizei Securitate. Und so machen die Richter an diesem 25. Dezember 1989 kurzen Prozess. Das gesamte Verfahren dauert nicht länger als ein Fußballspiel. Zehn Minuten später hallen Kalaschnikow-Salven durch den Hinterhof.

Ein gerechtes Urteil? Viele Rumänen sehen es so. Als der Tod des Tyrannen am Tag nach Weihnachten bekannt wird, feiert das Volk ausgelassen.  „Olé, olé, Ceausescu nu mai e!“, singen die Menschen – „Ceausescu ist nicht mehr“. Die Bilder von der Exekution gehen um die Welt. Nach der Legitimität und Legalität des Schautribunals fragt in den Chaostagen der rumänischen Dezember-Revolte zunächst niemand. Erst im neuen Jahr, als klar wird, dass sich die kommunistische Nomenklatura als „Nationale Rettungsfront“ die Macht gesichert hat, werden kritische Stimmen laut. Zu spät.

Das Ende des Ceausescu-Kommunismus passt so gar nicht in das Schema der friedlichen 1989er-Revolutionen mit ihren fantasievollen Protesten, den Runden Tischen und charismatischen Widerstandskämpfern. Lech Walesa in Warschau, Vaclav Havel in Prag, die Leipziger Montagsdemonstranten – Vergleichbares gibt es in Rumänien nicht. In Bukarest fließt Blut, mehr als 1100 Menschen sterben während der Dezember-Kämpfe. Wer aber auf wen schießt und warum, bleibt rätselhaft und ist bis heute weitgehend ungeklärt.

Lange Zeit sieht es in diesem Herbst 1989 sogar so aus, als würde das Bollwerk des rumänischen Steinzeit-Kommunismus dem Wind des Wandels, der durch Osteuropa weht, standhalten. Die Securitate hält das Land in ihrem eisernen Würgegriff. Noch Ende November feiern 3000 gleichgeschaltete Delegierte beim Kongress der Kommunistischen Partei (KPR) in Bukarest Ceausescu mit frenetischen Hurra-Rufen. Der Diktator schwärmt in einer fünfstündigen Rede vom bevorstehenden „goldenen Zeitalter Rumäniens“, während die Menschen zwischen Karpaten und Schwarzem Meer hungern und frieren. Anfang Dezember trifft sich Ceausescu mit Sowjetreformer Michail Gorbatschow, der von seiner Politik der Perestroika (Umgestaltung) berichtet. Ceausescu aber will davon nichts hören: „Die Veränderungen, die in Europa stattgefunden haben, müssen gestoppt werden.“

Doch dann ist plötzlich alles ganz anders. Zu groß, zu verbreitet ist die unterdrückte Unzufriedenheit. Und so genügt ein Funke, um Rumänien zur Explosion zu bringen.  In Temeswar (Timisioara), im Westen des Landes, soll am 15. Dezember der beliebte regimekritische Pfarrer Laszlo Tökes, ein Ungar, deportiert werden. Und auch wenn Rumänen und Ungarn eine lange „Erbfeindschaft“ verbindet – hier und jetzt ziehen sie an einem Strang. Hunderte Menschen versammeln sich vor dem Pfarrhaus, singen „Wache auf, Rumänien“ (die heutige Nationalhymne) und rufen wie die Montagsdemonstranten in Leipzig: „Keine Gewalt!“

Das freilich bleibt ein frommer Wunsch. Am 16. Dezember attackiert ein offenkundig von der Securitate angestachelter Mob die Protestierenden. Tagelange Straßenschlachten sind die Folge, Dutzende Menschen sterben. Ceausescu schickt Militär nach Temeswar und lässt die Stadt abriegeln. Der Diktator ist sich sicher, alles unter Kontrolle zu haben. Am 18. Dezember fliegt er zu einem Staatsbesuch in den Iran. Doch der Geist der Revolution ist aus der Flasche. In Temeswar blasen die Demonstranten zum Generalstreik. Über ungarische und jugoslawische Fernsehkanäle und den US-Sender „Radio Free Europe“ erfahren die Menschen im Land von den Unruhen, die nun auch einige Städte in Siebenbürgen erfassen. Die Entscheidung aber fällt in Bukarest.

Am Nachmittag des 20. Dezember 1989 kehrt Ceausescu aus Teheran zurück. In einer Fernsehansprache verurteilt er die Proteste in Temeswar als „von ausländischen Spionen gesteuerte terroristische Akte“. Doch in seinem Umfeld setzt ein Sinneswandel ein. Er beginnt in der Armee. Verteidigungsminister Vasile Milea befiehlt den Truppen in Temeswar – entgegen der Anordnung Ceausescus -, nur zur Selbstverteidigung zu schießen. Am 21. Dezember versammeln sich dort 100000 Menschen. Sie fordern den Rücktritt Ceausescus und freie Wahlen.

Der Diktator reagiert in bewährter Manier: Der „irdische Gott“ will sich in Bukarest einmal mehr huldigen lassen. Seine Getreuen organisieren im Zentrum der Stadt eine Massenkundgebung, das Fernsehen überträgt live. Es ist 12.30 Uhr, als Ceausescu das Wort ergreift. Er will das Volk  mit Zuckerbrot ruhig stellen, will vom Balkon eines Parteigebäudes aus eine Erhöhung der Löhne und Renten verkünden. Doch kaum hat er zu reden begonnen, ertönen Pfiffe, es knallt mehrfach. In der Menge bricht Panik aus.

Bis heute sind die Hintergründe des Geschehens unklar. Hatten sich Oppositionelle gewaltsam Gehör verschafft? Wahrscheinlicher ist, dass Provokateure ihre Hand im Spiel hatten, die von Ceausescus Gegnern in der KP-Führung gesteuert wurden. Klar ist indes: Vor laufenden Kameras bricht in diesen wenigen Minuten des 21. Dezember 1989 eine Welt zusammen – die mit harter Hand geformte Welt des Nikolae Ceausescu. Als er die Unruhe im Publikum bemerkt, gerät der „irdische Gott“ ins Stocken, verhaspelt sich, bittet um Aufmerksamkeit. Seine Gesichtszüge entgleiten ihm. Dann bricht die Übertragung ab, obwohl Ceausescu weiterredet, während sich das Volk zu seinen Füßen in alle Himmelsrichtungen zerstreut.

Das folgende Drama vollzieht sich auf zwei Ebenen. Auf offener Bühne, auf den Straßen von Bukarest, Temeswar und anderen rumänischen Städten, versammeln sich am 22./23.  Dezember und selbst an den Weihnachtstagen erneut Zehntausende. Sie protestieren verzweifelt gegen das verhasste Regime. Hinter den Kulissen tobt derweil ein Machtkampf. Ceausescu unterstellt alle Sicherheitskräfte  seiner direkten Befehlsgewalt. Doch eine wachsende Zahl Getreuer widersetzt sich dem Tyrannen. Sichtbare Folge ist, dass die bewaffneten Kräfte in Bukarest und andernorts mit unterschiedlicher Zielrichtung vorgehen und sich teilweise gegenseitig bekämpfen. In Zivil gekleidete Securitate-Agenten, schwer bewaffnete Armeesoldaten, die paramilitärische „Patriotische Garde“ und Polizeieinheiten zögern nicht, scharf zu schießen. In Bukarest herrschen zu Weihnachten 1989 bürgerkriegsähnliche Zustände.

Im inneren Führungszirkel regieren Angst und Aufruhr gleichermaßen – mit teils dramatischen, teils grotesken Folgen. Verteidigungsminister Milea hält den Druck nicht aus und jagt sich eine Kugel ins Herz. Ceausescu ernennt daraufhin General Victor Stanulescu zum neuen Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Doch den umgarnen auch die Gegner des Diktators. Der kerngesunde Stanulescu lässt sich kurzerhand ein Bein eingipsen. Der neue Armeechef meldet sich krank. Zugleich fädelt er die Flucht der  Ceausescus  aus Bukarest ein. Während aufgebrachte Demonstranten das KP-Gebäude stürmen, entschwebt das Diktatorenpaar  mit dem Helikopter.

Der an absurdes Theater erinnernde Verlauf der Flucht belegt, dass für einen Wimpernschlag der Geschichte ein Machtvakuum in Rumänien herrscht. Der eingeschüchterte Pilot, der nur nichts falsch machen möchte, setzt die Ceausescus mit ihren beiden Leibwächtern unter einem Vorwand  auf einer Wiese 40 Kilometer nordwestlich von Bukarest  ab. Die Bodyguards kapern daraufhin ein Auto. Doch der Fahrer  täuscht nach wenigen Kilometern einen Motorschaden vor, um die stürzenden Tyrannen loszuwerden. Denn die Gefahr, als Ceausescus Chauffeur gelyncht zu werden, steigt.  Im Radio laufen bereits erste Fahndungsaufrufe. Auch die Leibwächter machen sich aus dem Staub. Schließlich setzt ein weiterer Autofahrer das Ehepaar in einem Agrarzentrum ab, dessen Leiter  die Miliz alarmiert. Am Abend des 22. Dezember 1989 werden Nikolae und Elena Ceausescu, die Rumänien fast ein Vierteljahrhundert lang tyrannisiert haben, auf Geheiß der neuen Führung in Bukarest verhaftet.

In der Hauptstadt  lichtet sich der Nebel. Eine Gruppe um den von Ceausescu einst kaltgestellten KP-Funktionär Ion Iliescu organisiert eine „Nationale Rettungsfront“. Mit dabei: der General mit dem Gipsbein, Victor Stanulescu. Er ist es auch, der schließlich das Militärtribunal gegen die Ceausescus organisiert. Er zögert nicht, seine einstigen Förderer, die ihn stets nur „Victorchen“ riefen, ohne jede Rechtsgrundlage aburteilen und erschießen zu lassen.

Bekannt wird das klägliche Ende der Ceausescus erst am 27. Dezember. Bis dahin sortieren sich hinter den Kulissen die neuen Machthaber, während auf den Straßen weiter geschossen wird. Es sind Nachhutgefechte. In einem Land, in dem nahezu jeder, der etwas zu sagen hat, eng mit dem Regime verbunden ist, haben viele etwas zu verlieren. Allein der Securitate gehören mehrere zehntausend hauptamtliche und bis zu eine Million inoffizielle Mitarbeiter an, der KP sogar 3,6 Millionen Mitglieder. Die neue Führung um Iliescu, die nun per Dekret regiert, tastet diese Seilschaften nicht an.

Im kommunistischen  Rumänien hatte es nie eine starke Opposition gegeben, die etwa der polnischen „Solidarnosc“ oder der tschechoslowakischen „Charta 77“ vergleichbar gewesen wäre. Es gibt deshalb auch nach dem Ende der Ceausescu-Ära viel zu wenige Aktivisten, die sich für einen echten Neubeginn einsetzen könnten. Die Aufarbeitung der Securitate-Vergangenheit etwa beginnt in Rumänien erst 1999 – zehn Jahre nach dem Sturz des Kommunismus. Das wesentliche belastende Aktenmaterial haben die Täter zu diesem Zeitpunkt längst vernichtet.

Iliescu und seine „Nationale Rettungsfront“ – tatsächlich eine Gruppe gewendeter Kommunisten – sichern ihre Macht  schließlich geschickt durch eine Politik von Zuckerbrot und Peitsche. Sie stoppen angesichts des Hungers im Land alle Lebensmittelexporte, heben das  radikale Abtreibungsverbot auf und verkünden eine Amnestie für politische Häftlinge.  Partei-Neugründungen gestattet die „Front“ dagegen nur zögerlich. Und als im Frühjahr 1990 in Bukarest wieder Demonstranten auf die Straße gehen, lässt die neue Regierung die Proteste gewaltsam auflösen. Nur vor diesem Hintergrund sind auch der klare Sieg Iliescus bei der Präsidentenwahl und der Triumph der „Front“ bei den Parlamentswahlen 1990 zu erklären. Eine echte Demokratisierung erlebt Rumänien erst in den späten 90er Jahren, als der Druck des angestrebten EU-Beitritts seine Wirkung zu entfalten beginnt.

Unterdessen streiten die Historiker bis heute, ob es sich bei dem rumänischen Dezember-Umsturz des Jahres 1989 um eine Revolution oder einen gut getarnten Staatsstreich handelte. Die wenig befriedigende Antwort wird wohl lauten müssen: Es war beides, am ehesten eine „usurpierte Revolution“. Dass sich im Dezember 1989 der elementare Zorn des rumänischen Volkes Bahn brach, wird niemand bestreiten können. Die hungernden Menschen hatten  die Tyrannei der Ceausescus schlicht satt. Doch den fahrenden Revolutions-Zug kaperten jene selbst ernannten „nationalen Retter“, die ihre eigene Macht in Gefahr sahen. Dass Rumänien noch heute mit allerlei Seilschaften, mit Korruption und Vetternwirtschaft zu kämpfen hat, ist auch ein Erbe des Dezembers 1989.

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