Wandel ohne Annäherung

Was ist eigentlich Aufgabe von Journalisten? In erster Linie doch wohl, kritische Fragen zu stellen. Dass mancher Polit-Profi damit nicht umgehen kann, ist erstaunlich.

"Illusionär" nennt Günter Kunert (Mitte) die Ostpolitik der SPD. Der ehemalige SPD-Chef Björn Engholm (re.) hatte die kritischen Fragen von Moderator Ulrich Krökel (li.) zuvor brüsk zurückgewiesen. (Foto: Dewanger)

"Illusionär" nennt Günter Kunert (Mitte) die Ostpolitik der SPD. Der ehemalige SPD-Chef Björn Engholm (re.) hatte die kritischen Fragen von Moderator Ulrich Krökel (li.) zuvor brüsk zurückgewiesen. (Foto: Dewanger)

Nachhaken bis zum Eklat: Man erinnere sich an den legendären Auftritt von Alt-Kanzler Gerhard Schröder in der „Elefantenrunde” nach der Bundestagswahl 2005. Damals musste er sich erst von ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender zurechtweisen lassen, nicht länger auf die Mitdiskutanten einzupöbeln und stattdessen seine – kritischen – Fragen zur SPD zu beantworten. Da war Alpha-Tier Schröder baff.

Björn Engholm scheint auch nicht trennen zu können zwischen kritischen Fragen und Meinungsäußerung. Der ehemalige schleswig-holsteinische Ministerpräsident und SPD-Bundeschef debattierte unter meiner Moderation mit dem Schriftsteller Günter Kunert und dem früheren ZDF-Korrespondenten Dirk Sager über „20 Jahre Mauerfall – Was bleibt?”. Die Frage nach dem Sinn der SPD-Ostpolitik der 70er und 80er Jahre brachte Engholm schnell in Rage. „War es wirklich nötig, 1987 noch ein gemeinsames Papier mit der SED auszuarbeiten, in dem sich beide Parteien wechselseitig zugestanden, das humanistische Erbe Europas zu repräsentieren?”, wollte ich wissen. Ein Unrechtsregime als Inbegriff der Menschlichkeit? Ob ihm nie Bedenken gekommen seien, dass seine Partei da gemeinsame Sache mit einer Diktatur machte, wollte ich vom früheren SPD-Vorsitzenden wissen.

Engholm explodierte. Wenn das „Flensburger Tageblatt”, für das ich arbeite, billige Meinungsmache betreiben wolle, dann sei das unerträglich. „Ich frage doch nur”, so meine Antwort, die er nicht recht akzeptieren wollte. Das sei nicht zu merken, ich solle gefälligst stärker differenzieren. Und flugs schob er mich in die ideologisch rechte Schublade. Das war ein sonderbares Gefühl, denn tatsächlich war und bin ich durchaus ein Anhänger der Brandt-Bahrschen Ostpolitik. „Wandel durch Annäherung” – es hat bis zu einem gewissen Grad funktioniert, finde ich. Das bei der Diskussion zu sagen, wäre allerdings wirklich eine Meinungsäußerung gewesen, nicht aber, mit einer Frage die journalistisch gebotene Gegenposition aufzubauen.

Oder war das alles nur ein Trick? Journalisten persönlich zu attackieren, ist ein Diskussionsmittel, dessen sich Politiker immer wieder gern bedienen. Das habe ich schon in meiner Ausbildung gelernt und den Umgang damit geübt. Dennoch ist es jedes Mal schwierig, sich plötzlich persönlich in einer Debatte wiederzufinden, obwohl man sich doch in einer Beobachterposition wähnt. Als ich später – mit der expliziten Vorwarnung: „Achtung, Meinungsäußerung!” – meine Anerkennung der kritischen Haltung des damaligen SPD-Kanzlerkandidaten Oskar Lafontaine gegenüber der Wiedervereinigung zu erkennen gab, polterte Engholm: „Bloß nicht!” Nach dem Motto: „Sie und die SPD – das geht gar nicht!” Der Wandel in meiner Moderation blieb jedenfalls ohne Annäherung.

Günter Kunert beendete das Scharmützel auf seine Art. Die SPD-Ostpolitik sei in weiten Teilen illusionär gewesen, sagte der Mann, der bis 1979 in der DDR gelebt und unter dem Regime gelitten hat. Nicht meine Meinung, aber eine klare Meinung, mit der Engholm sich dann lieber nicht weiter auseinandersetzen wollte.

One comment

  1. Sehr geehrter Herr Krökel,
    leider habe ich den obeigen Artikel erst heute gefunden. Ich finde es sehr gut von Ihnen, jemanden wie Björn Engholm, der sich in Schleswig-Holstein immer noch- wie ich finde, völlig unverdient- großer Beliebtheit erfreut, zu kritisieren. Dier Mann stellt isch heute noch so dar, als wäre er die LICHTGESTALT, obwohl jeder weiß, wieviel Dreck er am Stecken hat. Er hat NACHWEISLICH gelogen, das sind die Fakten, ob es ihm nun selber passt oder nicht… Sein Anspruchsdenken gegenüber den heutigen Politikern ist aus seiner Sichtweise völlig überzogen . Darüber sollte er sich einmal Gedanken machen und sich mit dem Gedanken anfreunden, dass so einer wie er NICHT mehr als Vorbild für die Jugend taugt. Es ist jedoch wichtig, dass iregendjemand ihm einmal den Spiegel vor die Nase hält, damit er éndlich merkt, dass man seine Kommentare überhaupt nicht mehr braucht. Er selbst in seiner dummen Arrognaz merkt es doch nicht mal. Das können jedoch nur krtitische Menschen tun, so wie Sie. Hut ab, Herr Krökel, dass Sie noch einer der aussterbenden Spezies sind, die für aufgeklärten Journalismus stehen und den Leúten klarmachen, dass es auch noch eine Geschichte hinter der Geschichte gibt, die viele nicht hören bzw. lesen wollen, am Allerwenigsten der Protagonist E. selbst. Setzen Sie Ihre Arbeit frohgemut fort und hoffentlich kriegen die Bürger das im verschlafenen Lübeck auch mit, die Engholm ja bis heute geradezu blindverehren., zumindest ein Teil davon. Dabei ist der Mann doch nur eines von den traurigen Beispielen, die den Zeitpunkt verpasst haben, ab dem man sich zur Ruhe setzten und nur noch sein Leben genießen sollte.

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