Jetzt klauen die Polen schon Pointen

Wenn Polen einen Deutschen lieben und Deutsche sich plötzlich für die polnische Sprache begeistern, kann etwas nicht stimmen. Der Autor und Kabarettist Steffen Möller hat eine neue (ost-mitteleuropäische) Weltordnung geschaffen.

Autodiebe als Sympathieträger
Mit dem Wort „Notbremse”, mit einer simplen Deklination und ein bisschen Autobiographie ein Kabarettprogramm zu bestreiten, ist schon eine Kunst. Steffen „Steffek” Möller gelingt das. Sein Publikum in Kiel grölt. Dobrze – okay, „hamulec bezpieczeństwa” klingt in deutschen Ohren ziemlich schräg. Und wenn man dann noch den Dativ„hamulcowi …” bildet und weitere Kasus wie „hamulcach, hamulcami” hinterherjagt, naja, dann mag das lustig sein. Andererseits ist es schon erstaunlich, dass eine Sprache, die hierzulande eher mit Schwarzarbeitern und Autodieben in Verbindung gebracht wird, plötzlich einen so sympathischen Klang bekommt. Wie gesagt: Das ist eine Kunst.

Die Besserossis lassen ihren Liebling hängen
Möllers erstes Buch „Viva Polonia: als deutscher Gastarbieter in Polen” habe ich nicht gelesen. Dass es in Deutschland die Beststellerlisten gestürmt hat, war eine echte Sensation. Auf den ersten Blick. Denn wahrscheinlich waren es vor allem die polnischen Gastarbeiter in Deutschland, die sich den Band zugelelgt haben. Den Eindruck habe ich jedenfalls beim Besuch von Steffeks Bühnenshow in Kiel gewonnen. Mehr als die Hälfte des Publikums waren Polen, die in Deutschland leben. Wirklich unangenhem dabei: Permanent schreien diese Besserossis Kasusendungen in den Raum, die ihnen natürlich bestens bekannt sind, und klauen ihrem Liebling Steffek und seinen deutschen Zuschauern damit die Pointen. Und das, obwohl die Polen doch so großen Wert auf Höflichkeit legen! Naja, vielleicht würde ich auch schreien, wenn ich in Poznan einen Polen mit der deutschen Sprache rumkaspern hören würde.

Hintergrund: Der Wuppertaler Steffen Möller (40) ging 1994 nach Polen, um Deutsch zu unterrichten. Sein Hang zur Schauspielerei verschaffte ihm schließlich eine Hauptrolle in der polnische TV-soap „M jak miłość” (L wie Liebe). Darin spielte er einen tölpeligen deutschen Bauern, der nach Polen kommt und dort angefeindet wird, weil die Einheimischen Angst vor einem revanchistischen Vertriebenen haben. Doch die Liebe lässt alle Mauern einstürzen –Kitsch pur! Möller avancierte in Polen zum Fernsehstar, schrieb 2008 das Buch „Viva Polonia” und ist seither auch in Deutschland als Kabarettist erfolgreich. Nun hat der bekennende Fan klassischer Musik mit „Viva Classica” nachgelegt.

Mehr: www.steffen.pl

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