In einem freieren Land

Russland bleibt rätselhaft. Zumindest für viele westliche Besucher. Ausufernde Gastfreundschaft und hasserfüllte Pöbeleien gehen dort Hand in Hand. Immerhin habe ich mich bei dieser Reise nicht unfrei gefühlt.

Lieder vom freien Leben in der Steppe: Singende Kosaken in Starotscherkassk am Don. (Foto: Laarz)

Lieder vom freien Leben in der Steppe: Singende Kosaken in Starotscherkassk am Don. (Foto: Laarz)

Ich habe die Macht, du bist ein Nichts
Visum, Migrationskarte, Regitrierung vor Ort: Wer in Russland reisen will, muss sich nervenaufreibenden Prozeduren unterwerfen. Die Passkontrolle bei der Ankunft kann schon mal gut und gern eine Stunde Zeit verschlingen und den Anschlussflug zu einer Zitterpartie werden lassen. Hinter der Schalterscheibe aber sitzt nicht selten eine furchteinflößende Matka, deren versteinerte Gesichtszüge und betont abfällige Gestik signalisieren sollen: Ich habe die Macht, du bist ein Nichts.

„Haben Sie den Verstand verloren?”
Und doch: Das Russland des Jahres 2009 ist längst nicht mehr das Russland des Jahres 2001 oder gar der „finsteren 90er”. Vor 15 Jahren waren zum Beispiel Kunden noch grundsätzlich Bittsteller. „Ein halbes Pfund Käse, bitte!“ Ein solcher Wunsch konnte Verkäuferinnen einst zu Wutausbrüchen veranlassen. „Käse?? Haben Sie den Verstand verloren? Käse wird erst um 11 geliefert, das wissen Sie doch … Halten sie hier nicht den Betrieb auf!!” Oder so ähnlich. Heute bedienen russische Kellner höflich und zuvorkommend und fallen nicht einmal über Gäste her, die sich nicht in fließendem Russisch verständigen können. Es geht voran – vsjo budet, alles wird gut. Inzwischen gibt es sogar zahllose schöne Cafés in dem Teetrinkerland Russland.

Ein Ende der Willkürherrschaft?
Mehr noch: Das Gefühl der Bedrückung bei einer Reise in Russland ist verschwunden, zumindest bei mir. Gastfreundlich sind die Menschen ja ohnehin bis zur Unerträglichkeit. Aber es lebt sich auch erstaunlich frei im angeblichen KGB-Staat Russland. Ängste, offen zu diskutieren, sind nicht spürbar. Allein die Milizionäre, die ohne erkennbaren Anlass Autos stoppen, um die Fahrer dann hinter vorgehaltener Kelle abzuzocken, hinterlassen den Eindruck der Willkürherrschaft. Da ist er dann wieder, der Habitus des „Ich habe die Macht, du bist ein Nichts! Was für Käse??” Aber das Russland, das ich 2009 bereist habe, ist kein unfreies Land.

(Ende)

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