Wir Wirtschaftswunder-Veteranen

„Russland 3.0 – von der Blogokratie zur Demokratie”, lautet das Motto der n-ost-Medienkonferenz. Es ist eine moderne Frage. Doch dann führt uns eine Exkursion aus den gemütlichen Konferenzräumen mitten hinein in die südrussische Realitiät.

Falls die Kavallerie ran muss
Es sind die einfachen Fragen, auf die zu antworten oft am schwersten fällt. Besuch im Kosakeninternat in Nowotscherkassk, südlich von Rostow am Don. 10- bis 18-jährige Jungen lernen hier alles, was man zum Leben braucht: Säbelfechten, Zweikampf im Sattel (falls die Kavallerie ausrücken muss) und natürlich ganz simples Schießen mit der Kalaschnikow.

Alexander Grigorewitsch möchte "uach Poeten ausbilden". (Foto: Laarz)

Alexander Grigorewitsch möchte "auch Poeten ausbilden".

„Unsere Absolventen können später alles werden – Polizisten, Poeten, Panzergrenadiere.” So oder so ähnlich formuliert es Alexander Grigorewitsch, selbst einst Offizier, jetzt Ausbilder in der Kosakenschule. Die Militärlaufbahn dürfte wohl die wahrscheinlichere Berufsperspektive für die Jungs in ihren soldatischen Schuluniformen sein.

Worauf sind die Deutschen stolz?
Man kann sich über all das lustig machen oder einen Schreck bekommen angesichts des zur Schau getragenen Militarismus. Wenn man dann aber einigen frisch-fröhlichen 17-Jährigen gegenübersitzt wie wir deutsche Journalisten auf Recherche-Exkursion, dann muss man die Jungs erst einmal mögen. Kosak, das heißt so viel wie „freier Krieger”. Man muss sich also nicht wundern, dass die „freien Schüler” unser Frage-Antwort-Spiel offensiv selbst in die Hand nehmen. Und dann fallen eben jene simplen Sätze, hinter denen sich Abgründe auftun: „Worauf sind die Deutschen stolz? Und worauf gründet in Deutschland der Patriotismus?”

„Männer sind Krieger und Ritter”
Außer Bach und Beethoven fällt den überrumpelten Gästen zu ihrer Nation wenig ein. „Und wie baut man darauf Patriotismus auf? Männer sind doch von Natur aus Krieger und Ritter, nicht Musiker.”

Freie Krieger stellen freie Fragen: Kosakenschüler in Nowotscherkassk. (Foto: Laarz)

Freie Krieger stellen freie Fragen: Kosakenschüler in Nowotscherkassk. (Foto: Laarz)

Auf die Journalisten prasselt es ein: „Wie wollen die Deutschen denn Angriffe von Terroristen stoppen?” – „Wie bekämpft der Staat Kriminalität und Drogenmissbrauch?” – „Welche Kampftraditionen gibt es denn überhaupt in Deutschland?”

Wohlstandsgeschwängerte Weicheier
Kämpfen will von uns so recht keiner. Aber wie erklärt man das einem säbelfechtenden Jüngling, ohne als jämmerliches Weichei dazustehen? Keine Chance. Schlimmer aber ist, dass in dieser Kosakenschule am Don deutlich wird, wohin wir mit unserem wohlstandsgeschwängerten Gutmenschentum gelangt sind. Konfrontiert mit der Realität, sind wir ratlos.

Der Kaukasus ist nicht weit
Sicher gäbe es starke Antworten: 60 Jahre Freiheit und Demokratie in Deutschland, die Freiheit der Rede, des Gewissens, die Achtung der Menschenwürde… Aber wir Wirtschaftswunder-Veteranen halten das für selbstverständlich, während die Kosakenjungen den Kampf und den Krieg für gottgegeben erachten: „Sollte die Ukraine der Nato beitreten dürfen? Und wie denkt ihr über den russisch-georgischen Krieg? Wer war schuld? Wir haben uns nur verteidigt.” Im Kampf. Weit weg ist der Kaukasus ja nicht.

(Fortsetzung folgt…)

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