Babylon im Baltikum

Acht Tage bin ich jetzt durchs Baltikum getourt. Genauer: durch Lettland und Litauen. Und das macht sehr wohl einen Unterschied, wie ich festgestellt habe. (Teil 1 meiner Reisebeobachtungen: die Spachensituation)

Die baltischen Staaten, wie es bei uns immer so schön heißt, bilden keineswegs eine Einheit. Das ist mir auf dieser Reise erst richtig bewusst geworden – und dies auch ohne einen Abstecher nach Estland, das ich von früheren Besuchen her kenne.

Zu Sowjetzeiten hatten die Russen das Sagen
Es beginnt bei den Sprachen. In der lettischen Hauptstadt Riga dominiert noch immer das Russische – zumindest in den Markthallen, in den zahllosen Kneipen und Cafés, auf Straßen und Plätzen. Das ist erstaunlich, haben doch die lettischen Regierungen der vergangenen 20 Jahre allesamt eine rigorose Sprachenpolitik betrieben. Jeder, der die Staatsbürgerschaft des kleinen Landes erhalten wollte, musste umfangreiche Tests bestehen. Das war vor allem für die große russische Minderheit ein Problem, die rund ein Drittel der Bevölkerung ausmacht. Zu Sowjetzeiten hatten die Russen schließlich das Sagen in Lettland – buchstäblich.

Ein russischer Bürgermeister in der Hauptstadt der Letten
Die Alltagstauglichkeit hat sich also fürs Erste durchgesetzt. Was hilft es auch, wenn ich bei der russischen Babuschka auf Lettisch ein Pfund Butter kaufen will und stattdessen Käse bekomme, weil die Alte mich nicht versteht? Aber es kommt noch etwas hinzu: Das Verhältnis der Letten zu den Russen hat sich einigermaßen entspannt. Ein Beleg dafür ist die Wahl des russischstämmigen neuen Bürgermeisters von Riga. Der erst 33-jährige Nils Ušakov hat zwar vor allem vom Hass der Menschen auf den Küngel der anderen Bewerber sowie von der tiefgreifenden Wirtschaftskrise profitiert. Dennoch bleibt seine Wahl symptomatisch. Fünf Jahre nach dem Beitritt Lettlands zu EU und NATO ist der überschießende Nationalismus in Lettland auf osteuropäisches Normalmaß zurückgegangen. Ähnliches ist aus Estland zu hören. Übrigens hat die EU dazu einen aktiven Beitrag geleistet, indem sie von Letten und Esten eine tolerantere Sprachen- und Minderheitenpolitik einforderte.

In Vilnius stehen weniger Fettnäpfe
In Litauen war das weniger drängend. Zum einen leben dort schlicht sehr viel weniger Russen (gut sechs Prozent der Bevölkerung). Zum anderen scheinen die Litauer eher in sich zu ruhen als ihre baltischen Nachbarn im Norden. Ob das mit der Geschichte zu tun hat? Wer ein mittelalterliches Großreich in seinen Annalen stehen hat, braucht der Welt möglicherweise nichts mehr zu beweisen. (Naja, ich gebe zu: Es gibt auch andere Fälle.)  In der Hauptstadt Vilnius jedenfalls plappern die Menschen auf Litauisch, Russisch, Polnisch und ein wenig Englisch oder Deutsch frisch und frei durcheinander. Das macht den Umgang sehr angenehm, weil die Gefahr, in einen Fettnapf zu latschen, geringer ist. Überhaupt ist Vilnius eine extrem relaxte Stadt. Mehr darüber im zweiten Teil meiner Reisebeobachtungen: Riga und Vilnius.

P.S.: Erstaunlich ist, dass sich das Englische in Lettland und Litauen nur schleppend durschsetzt. Da sind die Esten etwas weiter. Aber für alle drei Länder gilt: Als baltische Tiger in die Moderne gestartet, sind sie zumindest vorerst als provinzielle Bettvorleger gelandet.

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