Auf geht’s, Russland!

Dmitri Medwedew sieht sein Land in der Sackgasse. Korrupt, primitiv und zurückgeblieben sei Russland. Nun sollen die Menschen endlich Initiative zeigen, verlangt der Präsident.

Ein Präsident liest seinen Bürgern die Leviten
Man glaubt seinen Augen nicht zu trauen. Russlands Präsident Dmitri Medwedew liest seinen Landsleuten die Leviten. In gazeta.ru ruft er unter dem Motto „Auf geht’s, Russland!“ (Россия, вперед!) zu einer offenen Diskussion über die Lage der Nation und die Perspektiven des Landes auf. Und dies nicht etwa unter der Maßgabe, das ohnehin schon großartige Russland weiter zu vervollkommnen. Nein, Medwedew fällt ein geradezu vernichtendes Urteil über seine Heimat. Russland sei korrupt, primitiv und zurückgeblieben. Und: Es fehle den Menschen an Eigeninitiative.

Im Würgegriff der Nomenklatura
Das ist alles nicht falsch. Dass dafür zuallererst die Arbeit seines Vorgängers und politischen Ziehvaters Wladimir Putin verantwortlich ist, sagt Medwedew allerdings nicht. Schließlich war es der Ex-Präsident und jetzige Premier, der jede gesellschaftliche Initiative unterdrückt hat. Sein Ziel war allein die Schaffung eines starken bzw. wiedererstarkten Staates. Das ist längst erreicht. Doch der eiserne Würgegriff der Nomenklatura erstickt eben auch zahllose Zukunftschancen.

Reif für eine neue Perestroika
Ist Medwedews Moralpredigt also als Abrechnung mit Putin zu verstehen? Nicht unbedingt. Ähnliche Appelle hat der Ex-Präsident selbst immer wieder an sein Volk gerichtet – folgenlos. Andererseits wirkt der junge „Liberale“ Medwedew glaubwürdiger mit seiner Philippika. Dass es einen Machtkampf im Kreml geben könnte, ist derzeit auszuschließen. Eher schon ist Putin nicht der engstirnige Hardliner, den man zuallererst in ihm sieht. Womöglich hat auch er erkannt, dass Russlands Zukunft nicht in der Vergangenheit liegt und eine Rückkehr zu sowjetischen Verhältnissen verheerend wäre. Glaubt man indes Medwedews Diagnose, so ist das heutige Russland in keiner sehr viel anderen Lage als die späte UdSSR. Reif für eine Perestroika. Na dann: Auf geht’s, Russland!

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