Hitlers Ungeist ist ein Untoter

1. September – 70 Jahre Weltkriegsbeginn. Allmählich verkommt dieses Blog zu einem Geschichtsseminar. Das wird und soll es nicht bleiben. Dennoch ist dieser Jahrestag für mich zu einem unglaublichen – unglaublich erschreckenden! – Erlebnis geworden.

Den Weltkrieg entflammt: Bei mir meldete sich zum 1. September ein alter Mann, ein Veteran, der "seinen" Krieg bis heute aus (verblendeter) deutscher Perspektive sieht. (Foto: privat)

Den Weltkrieg entflammt: Bei mir meldete sich zum 1. September ein alter Mann, ein Veteran, der "seinen" Krieg bis heute aus (verblendeter) deutscher Perspektive sieht. (Foto: privat)

Zeuge des Mordens
Bei mir meldete sich im Vorfeld des Gedenktages ein Veteran der deutschen Kriegsmarine. Er habe am 1. September 1939 auf der „Schleswig-Holstein” als Kadett Dienst getan – auf jenem getarnten Kriegsschiff also, das mit den Schüssen auf die Westerplatte bei Danzig den Zweiten Weltkrieg eröffnete. All das ist hundertfach beschrieben worden. Es gibt wenig Neues über den hinterhältigen deutschen Überfall auf Polen zu sagen. Dennoch schien mir der Zeitzeuge ein interessanter Gesprächspartner zu sein. Wie wohl hat ein 19 Jahre alter Kadett den Beginn des Mordens erlebt?

Nazistischer Schmutz
Doch dann dies: Der Alte entpuppte sich als Geschichtsklitterer ersten Ranges. Nicht unbedingt als Alt-Nazi – den „schrecklichen Judenmord” will er keinesfalls kleinreden. Aber eine Kriegsschuld Hitler-Deutschlands akzeptiert er nicht, spricht vom „Versailler Diktat”, von „bolschewistischen Lügen” und der „Aggressivität der Polen”. Das meiste, was er von sich gibt, ist nazistischer Schmutz.

Nicht an den Pranger stellen
Ich habe darüber eine Reportage verfasst, die den Namen des Alten nicht preisgibt. Es geht mir nicht darum, einen fast 90-Jährigen an einen Pranger zu stellen oder – schlimmer noch – zum Objekt einer neonazistischen Heldenverehrung zu machen.

Ein Leben auf dem Prüfstand
Ich frage mich nur, ob der alte Mann die Wahrheit nicht akzeptieren kann oder will. Im ersten Fall wäre er psychisch blockiert, soll heißen: Er leugnet, weil sonst die Stimmigkeit seiner Identität, die Kohärenz seines Lebens auf den Prüfstand käme. Wenn er die Dinge aber bewusst verdreht, ist es umso erschreckender, welch verblendete Menschen noch immer unter uns weilen.

Die Marine drückt alle Augen zu
Vollends unfassbar ist allerdings die Tatsache, dass der Mann in der Nachkriegszeit wieder in die Deutsche Marine aufgenommen werden konnte. Und zwar in voller Kenntnis seiner Denkweise über die „bolschewistische Kriegsschuldlüge”. Denn eigentlich, so beteuert er, wollte er selbst nicht wieder dienen. Er sei nicht damit einverstanden gewesen, dass sich die junge Bundeswehr von der Wehrmacht zu distanzieren begann.

Womöglich bin ich zu naiv. Ich dachte, 70 Jahre nach dem Weltkrieg seien wir alle schlauer. Das ist offenkundig falsch. Der nazistische Ungeist spukt als Untoter weiter unter uns herum.

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