In der Endlosschleife der Erinnerung

Stalin nannte Hitler am 23. August 1939 einen „molodec”, einen Prachtburschen. Die beiden Diktatoren hatten soeben einen „Teufelspakt” geschlossen und den Weg in den Weltkrieg beschritten. Darf man die Massenmörder miteinander vergleichen?

"Niemand hilft Russland - außer uns selbst": Parole an einem Hochhaus in Chabarowsk am Amur. (Foto: Krökel)

„Niemand hilft Russland – außer uns selbst”: Parole an einem Hochhaus in Chabarowsk am Amur. (Foto: Krökel)

„Falsifizierung der Geschichte
Die OSZE hat den 23. August zum „Tag des Gedenkens an die Opfer von Stalinismus und Nazismus” erklärt. In Russland, wo der Sieg über den Faschismus noch immer identitätsstiftend wirkt, reagieren viele Menschen empört. Der Kreml setzte eine Historikerkommission ein, die der „Falsifizierung der Geschichte entgegenwirken soll.

Der Teufelspakt” der Diktatoren
Fakt ist: Vor 70 Jahren haben Hitler und Stalin jenen verhängnisvollen
Teufelspakt geschlossen, Osteuropa untereinander aufgeteilt und den Kontinent und die Welt in einen mörderischen Krieg gehetzt. Doch darf man die beiden Diktatoren überhaupt miteinander vergleichen? Oder bleiben die Menschheitsverbrechen der Nationalsozialisten singulär und entziehen sich jeder geschichtlichen Analogie?

Helmut Kohls Blackout
Die Fragen geraten allmählich in eine Endlosschleife: erst der deutsche Historikerstreit, dann der Disput um das Schwarzbuch des Kommunismus”, nun die OSZE-Debatte. Hinzu gesellt sich eine Vielzahl ebenso unsäglicher wie überflüssiger personalisierter Nazi-Vergleiche. Man denke nur an Helmut Kohls Blackout, als er Gorbatschow in den späten 80er Jahren als modernen Goebbels diffamierte. Wozu das alles?

Napoleon und die Mongolen
Niemandem ist damit geholfen, historische Erinnerung in ein System von Vergleichsmaßstäben zu pressen. Was wäre erreicht, wollte man etwa Parallelen zwischen Napoleons Russlandfeldzug und dem Mongolensturm des 13. Jahrunderts ziehen? Aber es ist auch dem Gedenken an die Nazi-Opfer nicht dienlich, wenn man die Einzigartigkeit der NS-Verbrechen vor sich her trägt. Der Holocaust bleibt ein geschichtliches Ereignis, bleibt Resultat  menschlichen Handelns.

Die Fundamente der KZ und des Gulag
Der 23. August ist ungeachtet all dessen ein eher zweifelhafter Gedenktag, um an die Opfer der beiden Diktatoren zu erinnern. Denn letztlich zeichnet doch jeder für sich für seine Massenmorde verantwortlich: Stalins Gulag und Hitlers KZ entstanden auf völlig verschiedenen Fundamenten. Im Baltikum mag der 23. August funktionieren”, für Europa insgesamt kaum. Die OSZE liegt deshalb daneben.

Stalin der Große
Schlimm ist aber etwas ganz anderes. In Russland regen sich Politiker und Bürger nicht wegen ungerechter Analogien auf, sondern weil Stalin zunehmend wieder als große historische Persönlichkeit gesehen wird. Von seiner Terrorherrschaft ist nur noch selten die Rede.

Jesus, Mandela … Stalin?
Ich erinnere mich lebhaft an einen Disput, den ich vor 15 Jahren, während meines Russisch-Studiums in Irkutsk, mit einer Lehrerin hatte. Es ging um bedeutende geschichtliche Figuren (Mandela, Jesus … das ganze Programm). Doch plötzlich war von Stalin die Rede, und die gute Frau wollte meine Empörung über diese Namensnennung partout nicht verstehen. Stalin habe schließlich den Sieg im Großen Vaterländischen Krieg errungen.

Der Quell der Blutströme
Hat er nicht. Das haben die russischen Menschen – unter unsagbaren Opfern. Stalin dagegen war ein wesentlicher Quell all der Blutströme. Im Krieg verheizte er sein „Menschenmaterial” – ohne jede Rücksicht auf Verluste. Sogar zahllose Kriegsheimkehrer ließ er meucheln, weil er in ihnen potenzielle Verräter sah. Dabei waren sie es, die den Faschismus besiegt hatten. Daran wiederum kann man nicht oft genug erinnern – gern auch am 23. August.

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