Ach würde doch auch unser Leid gewogen!

Der 1. August 2009 ist ein beklemmend passendes Datum, um ein Osteuropa-Blog zu starten. Vor 65 Jahren begann der Warschauer Aufstand gegen die Nazi-Besatzung.

Zurückschlagen – koste es, was es wolle
Im Deutschlandfunk kam heute Mittag eine polnische Zeitzeugin zu Wort. Sinngemäß sagte sie: „Die ewigen Erniedrigungen waren so unerträglich, unser Hass auf die Deutschen und unsere Verzweiflung waren so groß, dass wir losgeschlagen haben. Losschlagen mussten. Koste es, was es wolle.“

Gnadenlose Rache
Es kostete viel, unmenschlich viel. Die Kämpfe dauerten 1944 bis Anfang Oktober. 63 lange Tage des Grauens. Hitlers Schergen töteten rund 15 000 Soldaten der polnischen Armia Krajowa (Heimatarmee). Weitere 25 000 Polen wurden verwundet. Aber es kam noch schlimmer. Der deutsche „Führer“ ließ gnadenlos Rache üben. Rache für die Unverfrorenheit der Warschauer, sich gegen die Unterjochung zur Wehr zu setzen. Hitler ließ mehr als 150 000 Polen verhaften und in die KZs oder in die Zwangsarbeit abtransportieren. Auf Befehl des „Führers“ machten deutsche Soldaten Warschau anschließend dem Erdboden gleich.

Die Henker ziehen an einem Strang
Am anderen Weichselufer stand Stalins Rote Armee und schaute zu. Sollten sich die Polen ruhig das Herz aus den müden Leibern kämpfen. Die Sowjets würden später von der Schwächung der Deutschen profitieren. Die zynische Strategie ging auf. Einmal mehr hatten sich Russen und Deutsche als Henker Polens erwiesen, die gemeinsam an einem, dem tödlichen Strang zogen. Und das inmitten des Weltkriegsgemetztels! Unabgesprochen, sicher. Aber wer könnte es den Polen angesichts dieser Erinnerung verdenken, wenn sie ihren beiden übergroßen Nachbarn noch heute misstrauen?

Entlarvende Verwechslung
Wir Deutsche erinnern uns kaum an den Warschauer Aufstand vom 1. August 1944. Viele verwechseln die Befreiungsschlacht mit der Erhebung im jüdischen Getto der Stadt. Doch das war im Jahr zuvor. Zugegeben: Ich selbst habe die Dinge auch lange Zeit durcheinandergebracht. Und gerade das ist bezeichnend, entlarvend. Das Holocaust-Gedenken haben wir verinnerlicht. Auch an das Leid, das die Wehrmacht über Russland brachte, ist vielen Deutschen präsent. Millionen Tote, das ist immerhin eine Hausnummer. Aber die Polen? Was hatten die schon zu leiden! Nicht wenige Deutsche sehen in unseren Nachbarn im Osten inzwischen sogar zuvorderst Täter. Die Opfer, das waren demnach in erster Linie deutsche Flüchtlinge und Vertriebene.

Auf der Waagschale der Geschichte
Es ist verflixt und fatal. Die Polen klagen bis heute vehement darüber, dass die Deutschen ihre Opfer, ihr Leid nicht auf die Waagschale der Geschichte legen. Sie haben recht. Doch je mehr sie dies einfordern, desto chancenloser ist ihr Anliegen. Es ist wohl so: Einsicht in eigene Schuld muss von innen heraus wachsen. Wer sie abverlangt, von außen, macht sich schnell unbeliebt. Helfen kann da allein Aufklärung. Das ist Kärrnerarbeit, direkt an der Basis. So gesehen ist der 1. August tatsächlich kein ganz schlechtes Datum, um ein Osteuropa-Blog zu beginnen. (Ulrich Krökel)

Literaturtipp: Jerzy Andrzejewski, Asche und Diamant (Popiół i diament), Roman, 1948. Das Buch schildert zwar nicht den Warschauer Aufstand, sondern spielt im Mai 1945. Aber Andrzejewski beschreibt die Zerstörungen eindringlich, wie auch das Ringen der Armia Krajowa um die Freiheit des Landes. Der polnische Starregisseur Andrzej Wajda hat das Buch 1958 verfilmt.

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