War der Sowjet-Sozialismus reformierbar?

2009 jähren sich nicht nur die friedlichen Revolutionen in Mittel- und Osteuropa zum 20. Mal. Auch für die Sowjetunion stellte das Jahr 1989 einen entscheidenden Wendepunkt dar. Michail Gorbatschow beschleunigte seine Reformpolitik dramatisch. 1991 verlor er den Kampf um den Erhalt der Sowjetunion. Oder waren Glasnost und Perestroika von Beginn an zum Scheitern verurteilt?

Systemzusammenbruch: Wilder Schrottplatz in Sankt Petersburg im Jahr 2001. (Foto: Krökel)

Systemzusammenbruch: Wilder Schrottplatz in Sankt Petersburg im Jahr 2001. (Foto: Krökel)

Anmerkungen zu einer Streitfrage

An Michail Gorbatschows Politik von Perestroika und Glasnost scheiden sich bis heute die Geister. Die einen betonen die Verdienste des Friedensnobelpreisträgers, der den Kalten Krieg beendet habe. Es ist dies vor allem eine westliche Sicht. Gorbatschows Kritiker hingegen sprechen von Reformen ohne Konzept. Die Perestroika habe den Zerfall der Sowjetunion verschuldet und die Nachfolgestaaten in Chaos und Bürgerkrieg gestürzt. Ein derart vernichtendes Urteil entspricht der Mehrheitsmeinung im heutigen Russland.

Breschnews langes Siechtum
Womöglich ist es 20 Jahre nach dem Fall der Mauer noch zu früh für eine Bewertung. Unstrittig ist immerhin, dass sich die UdSSR Mitte der 80er Jahre in einer existenziellen ökonomischen, aber auch in einer politischen Krise befand. Das Wirtschaftswachstum tendierte gegen null, die Industrieproduktion sank, erste Grundnahrungsmittel wurden knapp. Zugleich war die Führung des Landes nach dem langen Siechtum des greisen Parteichefs Leonid Breschnew weitgehend gelähmt. Außenpolitisch hatte sich der Einmarsch in Afghanistan (1979) als Fehlschlag erwiesen. Und zu allem Überfluss nahm mit der Stationierung der SS20-Raketen in Osteuropa und dem Nato-Doppelbeschluss der Rüstungswettlauf mit dem Westen neue Fahrt auf. Die Folge: Weitere Finanzmittel flossen in den militärisch-industriellen Komplex ab.

Das eigene Tempo bringt Gorbatschow aus dem Tritt
Gorbatschows Antwort auf die Krise lautete: Perestroika – Umbau. Dabei ging es dem Kremlchef von Anfang an und bis zum finalen Putsch im August 1991 allein um kontrollierte Reformen innerhalb des sozialistischen Systems, nie um einen Systembruch. Zugleich setzte er allerdings auf eine „Beschleunigung in allen Lebensbereichen”, wie ein Schlüsselbegriff der Perestroika lautete. Letztlich war es wohl gerade das immer rasantere Tempo der Veränderungen, das den Erneuerer und seine Reformpolitik aus dem Tritt brachte.

Die außenpolitischen Erfolge kommen zu spät
Katalysator der Beschleunigung war die Glasnost, die Politik der Offenheit, die Gorbatschow 1986/87 einleitete und mit der er neue gesellschaftliche Kräfte zu mobilisieren gedachte. Das Gegenteil trat ein: Statt sich mit frischem Elan gegen die ökonomische Krise zu stemmen, begannen die Menschen, sich öffentlich über die katastrophalen Lebensbedingungen der Gegenwart und die Verbrechen der totalitären Vergangenheit zu erregen. In dieser Situation halfen Gorbatschow auch seine außenpolitischen Erfolge nicht. Für seinen fundamentalen Beitrag zur Wiedervereinigung Deutschlands und Europas, an deren Spaltung die Sowjetunion unter Stalin hauptverantwortlich mitgewirkt hatte, wird „Gorbi” zwar bis heute zu Recht gefeiert. Doch der Rückzug aus Afghanistan und die Abrüstungsverträge mit den USA kamen zu spät: Die frei werdenden Ressourcen konnten der sowjetischen Wirtschaft keine kurzfristigen Impulse mehr verleihen.
Den Todesstoß versetzte der Perestroika der Zerfall des Vielvölkerreiches UdSSR. Ob im Baltikum, im Kaukaus oder in Zentralasien – einmal von der Kette der Zentralgewalt gelassen, begehrten die Nationalitäten des Sowjetmperiums auf. Es war nicht zufällig das Ringen um einen neuen Staatsvertrag, das 1991 in den Putsch gegen Gorbatschow mündete. Zugleich löste sich der Ostblock in seine Bestandteile auf: In Warschau, Ost-Berlin, Prag und andernorts verloren die kommunistischen Regime ihre Macht, ohne dass sich Moskau eingeschaltet hätte.

Der schwächliche Riese bricht jäh in sich zusammen
War die Implosion der Sowjetunion zu verhindern? Gorbatschows Kritiker verweisen immer wieder auf das chinesische Reformmodell: neue wirtschaftliche Freiheiten bei unerbittlicher Sicherung der totalen Macht des Regimes. Der Vergleich lässt allerdings unberücksichtigt, dass sich Peking weder in einer Block-Konfrontation befand noch ein System von Satellitenstaaten kontrollierte. Auch war und ist das Reich der Mitte – trotz seiner zahlreichen ethnischen Minderheiten – kein der UdSSR vergleichbarer Vielvölkerstaat. Und schließlich ließe sich fragen, ob bei der heute in China herrschenden Wirtschaftsordnung überhaupt noch von einem sozialistischen System die Rede sein kann. Bei der späten Sowjetunion dagegen handelte es sich wohl am ehesten um einen Koloss auf töternen Füßen. Einmal vom Wind des Wandels erfasst, brach der schwächliche Riese jäh in sich zusammen.

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