Visionen über Gott und die Neue Welt

Es ist der Blick eines „alten Europäers” auf die neue Welt. Der polnische Exil-Dichter Czesław Miłosz hat 1969 ein Amerika-Bild gezeichnet, das 2009 aktueller ist denn je. Jetzt sind die „Visionen an der Bucht von San Francisco” auf Deutsch erschienen – kongenial übersetzt.

Ein Schriftsteller im Exil und ein Philosoph als Übersetzer
Ein polnischer Dichter, der vor den Kommunisten flüchtet und im kalifornischen Exil über seine Zeit und seinen Ort nachsinnt; ein Philosoph und Indologe aus Neumünster, der in Polen lebt und quasi nebenbei Weltliteratur übersetzt; schließlich ein Buch, das 40 Jahre alt ist und doch so aktuell, als sei es gestern geschrieben: Es ist nicht zuletzt die kuriose Mischung, die Czesław Miłoszs „Visionen an der Bucht von San Francisco” so lesenswert macht. Pünktlich zur Präsidentenwahl in den USA hat der Suhrkamp Verlag die 33 „amerikanischen Essays” des Literaturnobelpreisträgers (1911-2004) veröffentlicht. Wirklich frappierend aber ist die Lektüre erst jetzt, kurz vor der Amtseinführung des Hoffnungsträgers Barack Obama.

„Die Krankheit Amerikas ist mehr als Einsamkeit”
Was Miłosz 1969 vor dem Hintergrund der Studenten-Revolte zu Papier gebracht hat, liest sich wie eine Analyse der amerikanischen (Krisen-)Realität des Jahres 2009. Dem „Geist des Kontinents” wolle er nachspüren, schreibt Miłosz. Und das klingt dann so: „Die Krankheit Amerikas ist mehr als Einsamkeit: Fremdheit sich selbst und den Nächsten gegenüber. Es wird noch halbherzige Maßnahmen (gegen die Sinnkrise) geben. Doch (der westliche Mensch) wird erst dann imstande sein, sich aus der selbstgebauten Falle zu befreien, wenn er dazu durch die völlige Unerträglichkeit der Lage gezwungen sein wird.”

Suche nach elementaren Wahrheiten
Miłosz treibt seine „Visionen” weiter, philosophiert im Wortsinne über Gott („Religion und Raum”) und die Welt („Sex frei Haus”). Vor allem aber eben über die Neue Welt („Die Schwarzen”, „Über den Western”). Was er mit seinen Essays erreichen wolle, sei „sehr elementar”, schreibt Miłosz. „Aber beruht das Lebenlernen nicht auf dem allmählichen Entdecken elementarer Wahrheiten?”

Mal nebenbei Polnisch gelernt
Kongenial aus dem Polnischen übersetzt hat die „Visionen” ein Schleswig-Holsteiner: Sven Sellmer (39), in Neumünster geboren, hat in den 90er Jahren in Kiel studiert. Inzwischen lebt der Doktor der Philosophie mit seiner polnischen Frau in Poznan, wo das Multitalent an der Universität Indologie unterrichtet – auf Polnisch, das er „nebenbei” gelernt hat. Es hat sich gelohnt, wie die vorliegende Miłosz-Übersetzung eindrucksvoll belegt.

Czesław Miłosz, Visionen an der Bucht von San Francisco. Amerikanische Essays, Suhrkamp Verlag, 258 S., 26,80 Euro, ISBN 978-3-518-41993-9

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